Mittwoch, 17. März 2010

VERGESSENE JUWELEN: SLEEPY JOHN - Sleepy John


(1970 / 2004, USA, Gear Fab, 72.38)
01. River
02. Al capa strong
03. Nothing
04. Dragons
05. Prelude to a dream
06. Seasons
07. Losing my plow
08. Hard workin‘ woman
09. I’m just happen to be (in love with you)
10. Monday blues
11. You say
12. Trying to fly
13. Blue sky
14. Cowboy
15. Searching for the world
Die Musik auf dem vorliegenden Album entstand schon 1970, daher sollte man sich nicht darüber wundern, daß hier kein rasender Powermetal, sondern entspannter und doch oft sehr entfesselter Heavyrock mit feurigem Gitarren – und Orgelspiel zu finden ist, wie der komplett explodierende Schlußpart von „River“, dem eröffnenden Track uns unter Beweis stellt. Der Sound der Scheibe wird sicherlich heutigen Standards nicht mehr gerecht, ist aber lebendig und ehrlich, man hat das Gefühl, als stünde die Band direkt neben einem. Sleepy John standen immer noch an der Schwelle von den 60er Psychedelicbands zum 70er Hardrock. Ausladende, die Sinne raubende Jams und Soloparts gehören ebenso zum Repertoire wie geradlinige, aggressiv treibende Momente mit eindringlichen Melodien. Gerade der oft ekstatisch wirbelnde Drummer ist eine absolute Ohrenweide und nur ein kleiner Teil des packenden Gesamtbildes. Die Stücke sind verspielt, fließen aber sehr natürlich voran und bleiben nachvollziehbar. Ein paar Freakouts hier und dort lassen den Fluß der Stücke nicht stocken. Auch wenn die Gitarre nicht immer übelst verzerrt klingt, die sehr hingebungsvolle Art, wie sie bearbeitet wird, erweckt das Gefühl von immenser Wucht. Ab und an wird die Fuzzbox eingeschaltet und ein brodelnder Zerrklang schleicht sich ein und säbelt Dir die Bauchdecke auf. Nach zwei harten Rockern braucht übrigens jede Band einmal eine Pause, da kommt eine mit üppigen Orgelarrangements versehene, in Melancholie schwelgende Ballade wie „Nothing“ gerade recht. Auch hier gibt es einige Augenblicke, in denen sich die Band der Dramatik des Stückes halber in lautere Gefilde begibt, die dann aber wieder den sanftmütig dahinschwebenden Passagen Platz machen. Oder man beachte die vollkommen irre instrumentale Mittelpassage von „Dragons“, welche mit manischen Leads vollkommen hypnotisierend wirkt. Der Hardrock ist hier nicht alleiniges Stilmittel, auch softere, versponnen schwingende Songs mit leichtfüssigerem Ausdruck werden kurzerhand eingeflochten, beschwören eine friedvolle Sommerstimmung herauf mit ihrem tänzelnden Beat und der betörende Melodien singenden Leadgitarre. Das war damals, 1969/70 eben noch so Usus, nicht eindimensional zu denken und zu komponieren und doch das Material durch einen markanten Punkt wie aus einem Guss klingen zu lassen. Das ist Sleepy John geglückt. Vergleicht man diese Band mit der heutigen Mainstreamrockmusik, sollte man immer mit vor Ekel verzerrtem Gesicht der modernen, uninspirierten Plastikmucke den blanken Arsch zuwenden, um es mal salopp zu sagen. Entweder wird heute psychotisch gebrüllt, gelangweilt herumgenölt oder gejammert. Sleepy John hatten Leidenschaft und ungezähmte Lust in ihren Stücken, wechselten gerne die Passagen von den Hauptthemen hinein in Jams, aus denen komplett abgeflogene Soloeinlagen oder den Hörer in Trance und Ekstase versetzende Melodien und Läufe hervorgingen. Wie beim eigentlich schwebenden „Seasons“, in dessen Mittelteil nach osteuropäuischer Folklore und Psychedelic Heavyrock klingende Passagen eingegliedert werden, zwischen denen die Band locker und ohne Stockungen wechselt. Der Song allein hat mehr verschiedenartige Passagen als manche Band in ihrer gesamten Diskographie. Er schwillt an, wird sehr intensiv und zwingt Dich zum Veitstanz, er fließt in schwebendere Momente über, gerät in verspielte, Abschnitte hinein mit verdrehten Brücken, wird dann geheimnisvoll und dunkel, rockt bodenständig und endet mit einem Schrei und Gitarrengefiedel nach der Wiederkehr der folkig anmutenden Läufe aus dem Mittelteil. Wow...ich muß mich erst mal setzen. Ein irgendwo zwischen Country und Klamauk angesiedelter Song schließt sich an. „Losing my plow“. Beinharte Rocker mit Scheuklappen werden jetzt laut aufschreien, als komödiantische Einlage ist das hier allerdings sehr erfrischend. Spielerisch, das merkt man gleich, sind Sleepy John bei den hochklassigen Bands zu suchen. Immer wieder bringen sie Einfälle, die das Material sehr abwechslungsreich machen und natürlich erfordern, daß man sich öfter damit beschäftigt. Für reine Hardrockfanatiker wird die Scheibe zum Spießrutenlauf, das kann ich schon jetzt behaupten. Man bringt bluesige Einlagen, die so verschmitzt wirken, daß es schon parodistischen Charakter hat und das nicht einmal, aber man bringt dies so ehrlich und authentisch, daß man es der Band einfach abnimmt. Wenn man sich also an eine sehr vielschichtige Band mit ebensolcher CD herantraut, sollte man sich Sleepy John mit dem selbstbetitelten Erstling auf den Einkaufszettel kritzeln. Genügend Persönlichkeit besitzt hier selbst der standardisierteste Blues, daß man von mangelndem Wiedererkennungswert wohl kaum sprechen kann. Es macht einen Heidenspaß, den vier jungen Herren bei der Darbietung zu lauschen. Ähnlich geartet, vielleicht etwas wilder, war das erste Led Zeppelin Album, welches gut anderthalb Jahre zuvor erschien. Sleepy John hatten leider nie das Glück einer regulären Veröffentlichung, erst 2004 erbarmte sich das US Label Gear Fab, die beiden 70er Aufnahmesessions als CD rauszuhauen. Das Ergebnis spricht für sich.
Die CD ist schön aufgemacht mit Bandgeschichte und Illustrationen. Mit knapp 73 Minuten ist sie auch nicht zu kurz.

SEASONS OF THE WOLF - Once in a blue moon

(2007, USA, Eigenpressung, 56.38)
01. Wings of doom
02. Snaggletooth
03. Nikhedonia
04. Ghost woman
05. In the shadows
06. Behind the eyes of evil
07. The reaper
08. Battle scars
09. Alien landscapes
10. The edge of time
11. Peace on earth
12. Name your poison
Dies ist nicht das erste Album der amerikanischen Formation SEASONS OF THE WOLF, sondern, lasst mich mal zählen, bereits die vierte Veröffentlichung und es hat sich irgendwie nicht viel verändert. Barry "Skully" Waddell, sein Bruder Wes und ihre Mannschaft donnern einen eigenwilligen, typisch amerikanischen Powermetal mit dunklen, aber sehr eingängigen Melodien und hintergründig agierenden Keyboards. Letztere sollten nicht überbewertet werden, denn man legt das Gewicht eindeutig auf die sehr natürlich klingende Gitarre von Skully. Am Sound ist eigentlich auch nichts zu meckern, eventuell am zuweilen etwas klinischen Schlagzeug, bei dem man aber vom Spiel her merkt, daß da ein Mensch sitzt. Aber auch das ist gut im Mix untergebracht. Nach zwei schnellen, fetzigen Metalhymnen an den ersten beiden Startplätzen schwenken SOTW beim dritten Stück plötzlich um. Ruhiges, dunkles Intro auf der Gitarre mit dezenter Keyboardbegleitung, dann ein schleppender Beat, schleppende Gitarren, mysteriöse Keyboardläufe und beschwörender Gesang. Wes Waddell singt hier zumeist in mittleren Lagen, sehr emotionsgeladen, geht aber auch gerne höher. Der Song ist bis auf eine kurze Passage düster und morbide. Das waren nun "Wings of Doom", "Snaggletooth" und "Nikhedonia".
Was kommt jetzt? "Ghost Woman". Aha, okay. Das eröffnende Riffing rockt schon mal gewaltig, die Strophe hat einen sehr eingängigen Ausdruck, geschickt werden die Geschwindigkeiten variiert. Amerikanischer Melodicmetal auf Düsternis getrimmt? Der Gesang kann reichlich kauzig wirken. Die Keyboardorgeln über den schrubbenden Riffs geben dem Stück eine majestätische Ausstrahlung. Skully soliert im klassischen Heavyrockerstil und sollte Vögel wie Michael Schenker locker in Richtung Wand spielen. Ein potentieller Minihit, dem auch der eigenwillige Stil Wes Waddells mit seiner screamigen Stimme in den Höhen nichts anhaben kann. Einem Rob Halford lassen wir das auch durchgehen, oder? Geiles Teil!.
Das Intro zu "In the shadows" wirkt poppig, nein, der groovige Song wirkt eher mainstreamig. Bluesig, mit Offbeat Rhythmen, aber sehr cooler Melodie in Strophe und vor allem Refrain. Ist mal anders, ist einprägsam und gefühlvoll inszeniert. Auch wenn SEASONS OF THE WOLF die Musik nie neu erfinden, man meint nie wirklich, daß ihre Songs einem wohlvertraut vorkommen. Das ist ihr Vorteil. "In the shadows" wird dann zum Solo hin ein wenig energetischer, Skully geht hier in die Vollen. Der klassische Rock bleibt aber insgesamt erhalten und das balladeske Feeling auch.
Ohne die Vocals hätte das hier von den PINK FLOYD der späten 80er, David Bowie der frühen 80er, eventuell den Rolling Stones zur gleichen Zeit sein können. Nicht Metal, höchstens Poprock, aber atemberaubend schön gemacht.
Zwischen erdigem Stampfmetal und schleppenden, dunkleren Parts bewegt sich "Behind the eyes of evil", das auch wieder majestätische Riffs, Leads und makabre Synthieläufe vereint, sowie Wes Weddells unnachahmliche Stimme. Eigentlich ein guter Hardrocker, der aber durch eine massive Dosis Mystik und Doomfeeling herrlich abgedreht klingt. SEASON OF THE WOLF spielen gerne mit klassischen Hardrockthemen herum, aber sie machen diese zu ihren ganz eigenen Stilmitteln.
"The reaper" kommt im Anschluß an "Behind the eyes of evil" und sorgt mit kraftvoller Strophenmelodie, packendem Riffing im wiederum hardrockigen Stil, wuchtigen Orgelkeyboards und Wes' emotionalem Gesang für Hitstimmung. Das Teil hat Charakter und Seele. Eventuell hätte der Refrain noch ausgeprägter sein können, noch mitreißender, aber das sind Oberflächlichkeiten. Skully bürstet seiner Klampfe diverse nackenzerbrechende Riffs vom Hals.
Eine Metalhymne mit galloppierendem Leitriff ist dann "Battle scars" und hier gibt es diesen hymnischen Powerrefrain, wie ihn heuer soviele Bands wieder und wieder angehen und kläglich daran scheitern. Obschon "Battle scars" der typischste Heavy Metal Song hier ist, SEASONS OF THE WOLF brillieren. Man will die Fäuste gen Himmel strecken und lauthals mitgröhlen. Geiles, wildes Solo von Skully, dann eine kurze, nur vom Synthie übernommene Passage, die Gitarre brät rein und jemand spricht mit verzerrter Stimme hierüber. Klassischer 80er Stil. Die Band steigt erneut ein und spielt einen doomig - schleppenden Abschnitt, den Skully wieder mit seinen irren Leads veredelt, dann geht es wieder zurück ins galloppierende Hauptthema des Stückes. Warum kann ein Rock'n'Rolf das nicht mehr? Warum können MANOWAR soetwas nicht mehr? Warum ist mir das angesichts der neuen SEASONS OF THE WOLF Scheibe so egal?
Stakkatokeyboards und ein Hammersolo bilden den Anfang von "Alien landscapes". Während die Synthies den spacigen Touch geben, sorgt das Solo für Erdverbundenheit. Das Schlagzeug setzt ein und es geht weiter, nun bekommt der Song einen tranceartigen Ausdruck. Der Song schlägt irgendwann in einen sphärischen Spacerocker um, der auch HAWKWIND auf deren letzter Scheibe gut zu Gesicht stünde.
Stampfend und düster rockend gerät man an "The edge of time" und es bleibt dabei, hier wird erdig, aber finster gerockt und gedonnert, daß einem die Haare zu Berge stehen und der ganze Körper mit einer Gänsehaut bedeckt ist. Killer Synthiesolo im Mittelteil!
"Peace on earth" ist energetischer, aggressiver mit abgeflogenem Gesangseffekt. Wes schimpft mehr als daß er singt, aber das mit unheimlich eindringlicher Stimme. Der Gesamtausdruck des Stückes ist wieder spacigerer Natur. Ein stapfender Part mit coolen Bassläufen und packendem Beat macht sich breit. Entwickelt sich zu einem majestätischen Moment puren Dooms und gerät dann wieder in Fahrt. Der Song legt gewaltig an Intensität zu, scheint schier zu bersten, explodiert letzten Endes in spacigen Lärm hinein und ist weg.
Und am Ende des Albums grooverockt uns "Name your poison" mit Spacerockorgeln, Insgesamt schwebt der Song die ganze Zeit um Dich herum und die eigentlich typische Hardrockgesangslinie piesackt Dich regelrecht. Skully entlockt der Klampfe feine Riffs und Leadharmonien. So kann man also auch aus erdigem Heavyrock noch spannende Musik zaubern, eh? Du gehst bei diesem Song absolut mit, die Beats packen Dich, wirbeln Dich durcheinander.
Ganz atemlos verlässt Du nun dieses Album, brauchst ein paar Sekunden Erholungszeit. Dann bist Du wieder voll da und willst mehr davon, mehr, viel mehr. Killerscheibe und absolute Empfehlung!

OGRE - Seven hells


(2006, USA, Leafhound Records, 56.27)
01. Dogmen (Of Planet Earth)
02. Soldier Of Misfortune
03. The Gas
04. Woman On Fire
05. Review Your Choices (PENTAGRAM-Cover)
06. Sperm Whale
07. Fleash Feast
Die 70er sind ja wieder schwer im Kommen, weil gerade damals die Rockmusik einfach frischer, inspirierter und leidenschaftlicher klang, ohne zu viele Genredogmen und mit sehr ungezwungener Kompositions – und Spielweise. Und da kommen stellvertretend für die neue Welle urtraditioneller Rocker OGRE aus dem US Bundesstaat Maine ins Spiel. Anders als bei vielen aktuellen Bands schwingen sie keine aggressiv – stumpfe Stonerkeule, sondern orientieren sich am beseelten Spiel der Frühzeit, klingen dabei aber frisch und wirklich inspiriert. Wäre da nicht beim Opener der verzerrte Bass an einer Stelle, den man eher bei britischen Hardcore / Metal Bands der späten 80er vermuten würde, kein Mensch würde einem Glauben, daß OGRE eine aktuelle Band im Alter so von Anfang bis Mitte 30 sind. Kommen wir nun zu den Songs. „Dogmen (of planet Earth)“ nennt sich der wild rockende Opener, welcher schon gleich mit einer herrlich schaurigen Sci Fi Geschichte aufwartet, bei der es um zur Erde zurückkehrende Weltraumreisende geht, die feststellen müssen, daß ihr ehemaliger Heimatplanet nun von sehr hungrigen Hundemenschen bewohnt wird, inklusive Gemetzel beim Rückweg zum Schiff natürlich. Ein markantes, aber dennoch urtraditionelles und irgendwo wohlvertraut klingendes Grundriff und die frech frivolen, etwas helleren, nasalen Vocals von Bassist Ed Cunningham sorgen musikalisch für helle Freude. Klar, OGRE erfinden den Heavyrock garantiert nicht neu, aber immerhin klingen sie so, als hätten sie ihn gerade neu erfunden. Ross Markonish an der Leadgitarre brennt einen mörderischen Lauf nach dem nächsten von ihrem schlanken Hals, lässt sie wie einen getroffenen Hundemenschen aufjaulen, erfüllt sie mit der Seele des Blues und der morbiden Schönheit des Todes, welche dem Doom entströmt (der ja seine Wurzeln auch im Blues hat, oder woher kommen BLACK SABBATH nochmal?). Schon hier wird klar, das Zusammenspiel der Musiker ist traumwandlerisch. Einer legt vor, die anderen steigen drauf ein, ohne daß sie großartig festgelegte mathematische Songstrukturen brauchen. Pure Magie.
Richtig schmierig doomig geht es dann in „Soldier of misfortune“ weiter, welcher einen mahnenden Mittelfinger in Richtung der Kriegstreiber im amerikanischen Senat ausstreckt. Warum die Geschichte ausgerechnet aus der Sicht eines Vietnamsoldaten erzählt wird, liegt wohl daran, daß dieser Krieg für die USA die entwürdigendste Niederlage in ihrer militärischen und politischen Geschichte war und zudem noch mit grausamsten Mitteln geführt wurde, noch grausamer als der zweite Weltkrieg vielerorts. Ross‘ Leadgitarre jault und brummt hier vollmundig und betört den Zuhörer auf der Stelle, zum Ende hin bricht die doomige Struktur des Stückes auf und man wird mit einem lockeren, treibenden Boogeypart inklusiver schön ungezähmter Soli nochmals durchgepeitscht.
„The gas“ walzt tonnenschwer in bester alter 70er Doommanier aus den Speakern, die Melodie ist so elegant simpel wie eindringlich gehalten, daß sie sich augenblicklich in die Seele einfräst. Herrlich wieder das Zusammenspiel der Musiker, an einer Stelle gibt es eine Betonung vom Schlagzeug mit den Becken, von der jaulenden Leadgitarre und einem jodelnden Schrei von Basser Ed, die ganz unisono im Song eingebaut sind. Es ist nur eine kurze, aber sehr herausstechende Passage, die sehr auffällig die Klasse der Band unterstreicht.
Gehen wir mal einen Schritt fort vom Doom, hin zum mächtig groovenden 70er Hardrock, jener wird bei „Woman on fire“ exzessiv zelebriert mit brodelnden, eruptiven Riffs, einer Unmenge an sehr entfesselten, kaum enden wollenden Wahwahsoli, die sich in ihrer Intensität mit zunehmender Spieldauer noch steigern, ein paar schleppenderen Momenten und natürlich der packenden, mitreißenden Eingängigkeit, die dem ganzen Genre zueigen war und ist, insbesondere aber den Songs von OGRE, um die es hier geht. Die Jungs fetzen wie besessen, sind dabei die coolsten Rocker auf Erden, speziell der Nasalgott Ed Cunningham, der wie ein reinkarnierter Bon Scott klingt, allerdings fieser, theatralischer, mystischer. Ein absolut charismatischer Sänger.
Kultig wird es mit dem nächsten Stück, einer Coverversion der US Doompioniere PENTAGRAM, die zeitgleich mit BLACK SABBATH den Lavarock vorantrieben, ihn mit erfunden haben, leider aber nie die ihnen zustehenden Erfolge feierten. „Review your choices“ heißt deren 99er Album, so heißt auch dieser Song und doch ist er gar nicht so brandneu, sondern entstammt, gleich einem Großteil des Repertoires PENTAGRAMS auf ihren aktuellen Alben, den frühen bis mittleren 70ern. Der Song in der OGREschen Fassung ist Doom, Blues, Hardrock, emotional, eigenwillig und mitreißend. Natürlich ist es nicht leicht, PENTAGRAM Sänger Bobby Liebling vom stimmlichen Ausdruck (weil, ein Techniker ist der nicht wirklich) her nahezukommen, Ed Cunningham schafft das, auch wenn seine Stimme komplett anders klingt. Es ist die Theatralik, dieses beschwörende Element. Herrlich.
Noch zwei Songs, dann sind wir mit der Scheibe durch. „Sperm whale“ ist ein zum größten Teil instrumentaler Rocker zwischen den üblichen OGRE Zutaten, doomig, bluesig, treibend hardrockig, er fetzt mit eindringlichen, packenden Riffs, richtig leidenschaftlichen Wahwahleads, bei denen Band wie auch Zuhörer in einen Trancezustand fallen sollten, bekommt dann aber eine für heutige Musik besondere Wendung. Ein monumentales Schlagzeugsolo, wie es vor 36, 37 Jahren viele Bands am Start hatten, selbst auf ihren Scheiben, wird hier äußerst wild und lustvoll inszeniert. Drummer Will Broadbent ist ohnehin ein Rhythmuswizard, nur am Wirbeln und am kloppen, die verrücktesten und doch coolsten Figuren am Basteln, hier tobt er sich aus. Irgendwann springt das Stück zum Ende hin in eine Passage mit spacig jaulender Gitarrenarbeit, dazu einer straighten Basslinie und eben jenem eruptiven 70er Drumming über, auf der Basser Will ein paar Zeilen erzählt, dann auch singt. Mit einem bluesigen Scream geht es wieder in den Anfangspart zurück zum groovenden Hardrock. Man ist bis hierhin gekommen und restlos begeistert, aber auch restlos ausgelaugt, denn diese Scheibe reißt mit, fordert, schleudert Dich umher.
Nun darf man ausruhen, tief unten in modrigster Gruft, denn es ist Zeit für einen der mystischsten, düstersten Doomsongs aller Zeiten. „Flesh feast“, schrabt sich schwerfällig mit von morbiden Synthesizerklängen untermaltem Grundriff aus den Boxen. Ross haut immer wieder herrlich fantasievolle Melodiebögen in das schleppende Gewalze hinein, während Ed einfach alles in Grund und Boden singt. Wow. Dies ist einfach eine wahnwitzige Hymne reinsten Dooms. Ein monumentaler Abschluß für ein monumentales und doch so bodenständiges Album. Solch ehrliche und sympathische Band ist ein seltenes Vergnügen in unserer harten Rockmusik geworden, also hegt und pflegt sie gut. CD gibt es direkt bei der Band als Japan Import für 18,00 US$ inklusive Porto. Schreibt den guten Ross doch mal an, der beißt nicht.

NO BROS - Hungry for the good times



(2006, Österreich, Eigenpressung, 50.10)
01. Manifest Your Destiny
02. Hello Hello
03. Three Horned Dragon
04. Way More Of This
05. Hungry For The Good Times
06. Carry On
07. Caledonia
08. What’s Going On In Paradise
09. Creed For Flesh
10. Blind
11. Metal Thanks
Ja ist das ein Hammer! Eine neue NO BROS Scheibe nach 20 Jahren Pause, dann noch mit einem meiner Lieblingssänger, Lem Enzinger von den österreichischen Kultmetallern U8, die es damals locker als Mischung aus RUSH und SAXON hätten schaffen sollen und doch nur Kultstatus genießen. Wie auch immer, ich schweife ab vor Begeisterung. Lem singt zwar um einiges bluesiger und tiefer als früher, aber ist und bleibt ein klassischer Heavyrocker, der zu den ganz Großen gehört. Nun ist er der „Neue“ in der Band, die Restbesetzung hat schon auf den klassischen NO BROS Scheiben der 80er aufgemuckt, daß sich die Balken bogen. Die inzwischen leicht angegrauten und etwas weniger behaarten Herren sind mit der neuen Scheibe zurück zu ihren frühen Werken gegangen, also ganz klassischer, straighter Heavyrock mit fetten Orgelsounds, einigen coolen, abgeflogenen Synthies, krachender, straighter Gitarrenarbeit mit wirklich leidenschaftlich inszenierten Soli von Ösi Legende Klaus Schubert (mit dem Sänger Lem ja auch schon länger Musik macht) und erdigen, treibenden Rhythmen. NO BROS machen mit diesem Album mal eben einen großen Teil der neuen Scheiben klassischer Bands unnötig, bringen RIOT an den Rand des Absturzes (wobei deren aktuelle CDs noch sehr nett sind), treiben UFO darüber hinweg, lassen Bands wie die finnischen Chartstürmer und Grand Prix Gewinner LORDI als eben die Clowns dastehen, die sie auch sind. Hier reiht sich eine Hymne an die nächste, ganz urtraditionell, dem Hörer angenehm vertraut vorkommend im typischen Stil der frühen 80er und sogar späten 70er, aber voller Frische und Liebe zur Musik steckend. Da können sich ähnlich geartete Neubands und alte Helden noch was abgucken. Ich will hier keine Bands dissen, aber NO BROS zeigen echt mal wieder, wie solche Musik donnern und krachen kann, nein, muß. Klar sind sie mainstreamtauglich und natürlich werden sie fettere Konzerte geben, aber hey, Underground oder Mainstream oder irgendwo dazwischen, solange die Songs so dermaßen reinfetzen wie bei NO BROS ist es alles vollkommen egal, Klassifizierungen zählen da nicht, sondern nur das Herzblut, welches durch die Songs strömt. So ist der Hardrock alter Schule noch schön lebendig! Ganz großes Kino!

VERGANGENE GROSSTATEN: AXEGRINDER - Rise of the serpent men


(1988 / 2006, UK, Peaceville, 63.53)
01. Never Ending Winter
02. Hellstorm
03. Life Chain
04. War Machine
05. Evilution
06. Rise Of The Serpent Men
07. The Final War
08. Malfunction [Bonus]
09. Virtual Reality [Bonus]
10. I Need Face [Bonus]
11. Slow Motion Rewind [Bonus]
Ein eher besinnlicher, unverzerrter Gitarrenlauf zu Beginn, dann eine stampfend metallische Einleitung, wohin soll uns diese Scheibe noch führen? AXEGRINDER kommen aus dem England der späten 80er und haben ihr Album über Peaceville veröffentlicht, das kann also nur finsterster Grindcore sein. Okay, ganz so derbe sind sie nicht. Der erste echte Song „Hellstorm“ ist wuchtiger, dreckiger Metal mit thrashigen, punkigen und fett rock’n’rolligen Elementen, wie ein Mix aus CELTIC FROST, DISCHARGE und MOTÖRHEAD. So soll es dann auch weitergehen. Es groovt und treibt ohne Ende, nach den groovigen Passagen wartet man aber vergebens auf ein Blastbeatfeuerwerk. AXEGRINDER legen mehr Wert auf die ultimative Wucht denn auf sinnloses Geprügel. Verzerrt scheint hier alles, Bass, Gitarre, Gesang. Das macht den Anfang von „Life Chain“ so besonders spannend. Nun denkt man aber, daß es gleich im NAPALM DEATH Höllentempo losgeht, wenn der tänzelnde Anfang vorüber ist und sich Sänger Trev mit tiefer, rauher Stimme ausgeschimpft hat. Nein, dem ist nicht so. Das stets vor sich hin donnernde und doch groovende Feeling des Openers wird übernommen. Es fällt auf, daß die Stücke sehr eingängig sind. AXEGRINDER waren wohl in den späten 80ern das, was man heute als „Metalcore“ einstufen würde, eine gelungene Symbiose aus wütendem Hardcore und fiesem Thrash und Deathmetal. Bei „Life Chain“ gibt es sogar einen schönen, etwas flotteren Solopart, was eben die Metaleinflüsse nochmals unterstreicht. Mir fällt dieser scheppernde, aber ultimativ düstere Gitarrensound an allen Ecken und Enden auf. Ein schönes Keyboardintro gibt es für „War Machine“. Sehr melancholisch und dunkel, fast an alte 70er Horrorfilme erinnernd mit Gothictouch. Ja, schräg, aber warum nicht? Dann bricht die Hölle los. Das Schlagzeug wirbelt entfesselt, die Gitarren feuern intensive, mitreißende Riffs ab und der Bass pumpt aggressiv im Hintergrund. Dann ein Bruch, nur Bass, zurückhaltendes Schlagzeug und unverzerrte Gitarre, wieder ein Umschwung in eine mittelschnell walzende, alles zermalmende Passage mit diesen herrlichen Mühlsteingitarren und schon geht der fünfte Song mit einem Basslauf sehr ruhig aber spannend los. „Evilution“ steigert sich in einen Rifforkan rein, der zwar für Sekunden straight nach vorne marschiert, aber wieder in diesem wellenhaften Groove vom Schlagzeug endet. Irgendwo in der Mitte des Stückes bekommt man ein jaulendes Gitarrensolo serviert und einen sehr eingängig wirkenden Refrain, dann noch ein Tappingsolo und wieder Gejaule. Was sind AXEGRINDER eigentlich? Deathmetaller? Rocker? Punks? Musikalisch war die Symbiose perfekt, machte und macht unheimlich Spaß. Der Sound ist natürlich anders als heute. Digitale Glanzproduktionen gab es 1987/88 noch nicht, Satan sei Dank. Hier klang alles räudig, dreckig und infernalisch, dadurch aber so natürlich und lebendig wie nur möglich. Leben ist nicht perfekt! Perfektion bedeutet Tod. Okay, back to the Music! Wieder geht es mit unverzerrten Gitarren, zurückhaltend im Indierockstil los. Dann sägt auf einmal eine Zerre rein und es wird verdammt heavy. Aus den Riffs sprechen die Emotionen, die rohen, tiefen Vocals sprühen über vor Zorn. Der Song ist gut arrangiert und auch wenn das Spiel sehr entfesselt und rauh klingt, die Band spielt exakt. Sie sind keine technoiden Instrumentalgötter wie damals MAJESTY (die sich ein Jahr später in DREAM THEATER umbenannten und ihr gefeiertes Debüt rausbrachten), sie spielen einfach mit Leidenschaft und intensivsten Gefühlen, die aus jeder brodelnden Note strömen. Tolle Steigerungen auf Bass und Gitarren durchdringen Deine Sinne, setzen sich unweigerlich in Dir fest. So sehr es auch scheppert, „Rise of the Serpent Men“ ist richtiggehend melodisch. Ein langer und sehr progressiver Song.
Piano vom Keyboard leitet „The final War“ ein. Nun wird es gänzlich schmusig? Klare Gitarren betören Dich, eine entspannte, schwebende Atmosphäre entsteht. Sobald Trev aber den Mund aufreißt, ist es mit der Herrlichkeit vorüber, zudem kommen einige Augenblicke später die Weltuntergangsgitarren wieder und walzen mörderisch über Deine Seele. Ja und dann? Dann tritt wieder der ruhige Part ein. Wow, doch nicht nur eine Einleitung. Dieser Abschnitt schwimmt in Melancholie und unterschwelligem Zorn.
Welch eine Scheibe! Klar, 1988 nur den Hardcorefreaks vorbehalten, weil es eben noch keine Möglichkeiten gab, sich mit Informationen vollzusaugen. Dabei hätte sie ebenso den Thrashfanatikern, Deathmetal (CELTIC FROST) - Fans (die damals ja von der „Cold Lake“ bitterst enttäuscht waren), Hardcoremaniacs und sogar toleranten Schwermetallern (die, denen alle Kaliber gefielen) eine Gänsehaut verschaffen können. Was nicht ist, wird vielleicht werden, oder? Ach ja, Bonustracks gibt es auch. Vier Stücke von WARTECH, der AXEGRINDER Nachfolgeband. Musikalisch war es sauberer, sehr progressiv, schräg und finster, aber noch immer metallisch. Vergleichbar sicherlich mit VOIVOD, KILLING JOKE und solchen Sachen. Die Songs sind sehr spannend, mit abgeflogenen Läufen, feurigen Soli, sehr kranken Melodien und Disharmonien. Wem sie nicht gefallen, der kann ja nach „The final War“ die CD abstellen, Wagemutige hören und genießen bis zum Ende.

VERGESSENE JUWELEN: GRAVY TRAIN - Staircase to the day


(1974, UK, PYE, 43.57)
01. Starbright Starlight
02. Bringing My Life Back To Me
03. Never Wanted You
04. Staircase To The Day
05. Going For A Quick One
06. The Last Day
07. Evening Of My Life
08. Busted In Shenectady
GRAVY TRAIN hatten mit ihrem 1970er Debüt eines meiner frühen Lieblingsalben jener Tage abgeliefert, ein Mix aus dramatischem Hardrock, progressiven und folkigen Flöten, brodelnder Psychedelik und einem Schuß Blues. Nun hatten wir damals eben 1970 und die progressive Rockmusik war erst kurz davor, aus ihren Kinderschuhen auszubrechen. 1974, der Progrock hatte Hochkonjunktur und ich kam als einziges Kind meiner Eltern in einer lauen Sommernacht auf die Welt, waren GRAVY TRAIN schon meilenweit von progressiven Klängen entfernt. Hardrockiger Mainstreamsound mit ab und zu spacigem Einschlag wurde geboten. Der Opener „Starbright starlight“ war ein straight groovender Rocker mit eingängiger Melodie und einem mittelschnell anschubsenden Beat aus rhythmischen Orgelriffs, pumpendem Bass, hart geschlagener Akustikgitarre und schlacksigem Drumming. Zum Ende hin zirpen sphärische Synthieläufe darüber hinweg, was die Affinität zum Spacerock klarmachen soll. Eine gute Partynummer, sicher, man merkt aber schon, daß kompositorisch die Luft langsam dünn wurde. Ausgedünnt war sie dann gleich mit dem zweiten Song „Bringing life back to me“, einer schmalzigen Schmachtballade mit etwas mehr Dramatik im Refrain, allerdings auch aufgeblasenen Gospelchören an selbiger Stelle. Geschmeidig, radiotauglich, platt, aber doch nett zu hören. Das hätten NAZARETH nicht schmachtender hinbekommen. Seufz! Eigentlich ist sowas schon wirklich aus, wenn man sich das Debüt vor Augen hält, aber ich mag nach wie vor die angerauhte, charismatische Stimme des Sängers und ich gehöre auch zu den Leuten, die guten Mainstreamrock der 70er vertragen, so z.B. das 73er „Get your dog off me“ Album der Ex Progger BEGGAR’S OPERA oder eben diesen Schmalztopf. Paßt schon, paßt schon. Reich und berühmt sind sie damit nicht geworden. Aber zum Glück ist das Geschmachte rasch vorüber und treibender Rock setzt ein. Boogey, Blues, recht flott gespielt. Die Gitarre könnte allerdings etwas mehr braten und was ist das da perlendes im Hintergrund? Ein E Piano? Eine Orgel? Ich weiß es nicht. Der Song hat ordentlich Schmackes, trotz der Mundharmonika und der fehlenden Hardrockgitarre. „Never wanted you“ hat einen leicht verspielten Mittelteil, der sich langsam immer mehr steigert und dann wieder in schwelgerischem Mellotronpomp landet. Aber schön gemacht! Coole Screams des Sängers und doch einige energiereichere, aber nicht direkt „heavy“ zu nennende Passagen. Der Titelsong bringt die vom Debüt her liebgewonnene Melancholie mit unverzerrter Gitarre und betörenden Flötenläufen, die später Unisono mit der Gitarre laufen, zurück. Verträumte Psychedelic, melancholischer Pop der späten 60er, ein wenig folkige Atmosphäre mit Wurzeln im viktorianischen England, eine sehr schöne Regenwetternummer, eingängig aber doch mit Substanz und viel Gefühl, sehr einprägsam auch. Zwar nicht innovativ, aber einfach nur schön. Die betörende Leadgitarre verweist auf die großen Brüder PINK FLOYD, während man doch insgesamt mehr Pop in sich trägt. Verglichen mit der aktuellen Chartmusik, selbst dem80er Plastikmainstreamrock und den Schlagern der 70er ist das hier ganz großes Kino und auch ohne jetzt schlechte Musik heranzuziehen, um diese Scheibe besser dastehen zu lassen, dieser Song kann echt was. Analoge Synthies verschönern die Atmosphäre noch zusehends, das Mellotron und „Aaaah“ – Chöre treten hinzu. Natürlich ist das reichlich bombastisch und irgendwie in Gigantomanie versunken, aber solange dabei solche fetten Songs rauskommen gehe ich mit den Komponisten konform.
Mittelschnell dahinschlendernder Hardrock, sehr entspannt und cool, wird einem mit „Going for a quick one“ geboten. Alles klar, ein Ficksong, wie er im Buche steht. Ebenfalls nicht herausragend, aber packend genug, um mich zu überzeugen. Ein paar Choreinlagen und ein wenig Pomp sind auch hier nicht fehl am Platze, obschon es die Band wirklich erdiger angehen lässt. Auf einmal sind alle Instrumente ausser dem Schlagzeug fort, dann setzt das Grundthema wieder ein und darüber soliert ein analoger Moogsynthesizer. GRAVY TRAIN hatten wohl schon mit dem Vorgängeralbum einen elenden Reinfall hingelegt und waren kompositorisch wohl wieder auf dem aufsteigenden Ast. Nun kenne ich „Second birth“ nicht und irgendwie will ich das auch nicht. Die beiden progressiven Frühwerke auf dem VERTIGO Label und dieses zweite Album auf PYE reichen völlig. „The last day“ ist mehrteilig aufgebaut, straighter, entspannter Rock mit folkigen, spacigen, epischen und sehr peacigen Melodien im Anfangspart, wo akustische Gitarren über relaxten Bass – und Schlagzeugläufen eine üppige Grundlage für den gequälten, rauhen Gesang liefern. Dann ein Gitarrenübergang und schon schwebt man über einem stampfenden Beat dahin, wo Gesang und Flöte ein wenig freakiger, schräger daherkommen. Entwarnung, man landet wieder in der Eingangspassage. Dieses Stück ist auf jeden Fall eine sehr schöne Spacehymne ohne zu harte Gitarren. Und noch mehr Melancholie. Ein Klavierthema eröffnet „Evening of my life“, ein E Piano steigt ein, spielt über den Grundlauf eine schöne Leitmelodie. Dann schwelgt man in bombastischem Schönklang, einer absoluten Superballade, die ELTON JOHN nicht gewaltiger hinbekommen hätte, wohl aber mit weniger Substanz servieren würde. Auch wenn das alles schon zu sehr nach fluffigem Soundmuskelspiel klingt, es ist nicht schlecht, aber sehr kurz.
Rockig wird es nochmals zum Schluß, mittelschnell, schlendernd vom Beat her, obercool und trotz der wohlvertrauten Kompositionsweise mitreißend und einprägsam. Ein schöner Kraftrock zum Ende mit jaulender Gitarre, verzerrter Slideklampfe für die Soli. Ein Boogeykracher mit Bombastchor im Refrain. Das Ding wird Proggern nicht reingehen, ich find es klasse. Im Mittelteil bricht der Song dann aus sich selbst heraus in einen wirbelnden Hardrockpart, der sich hypnotisch – monoton zu einem wahren Inferno hinsteigert. Das war mal sehr angesagt, hehehe, aber hey, ob nun 1969 oder 1974, es verfehlt seine Wirkung nicht. Mellotronleads sind auch diesem Song nicht fremd, was absolut rockt. Ja, verdammt. „Busted in Schenectady“ rockt komplett. Dann bricht der Song auf einmal ab und man wähnt sich bereits am Ende der Scheibe, aber nein, eine Wahwahgitarre überzeugt einem vom Gegenteil, ein entspannter Groove tritt auf. Funkiger Hardrock? Bitte, paßt schon, wenn es denn so cool gemacht ist wie hier. Absolute Hymne zum Schluß der LP mit irrsinnigen Schreien.
Eigentlich hätten es GRAVY TRAIN mit diesem Album schaffen sollen, weiß der Schinder, warum es ihnen nicht gelang. Schlechter als NAZARETH auf deren besten Alben waren sie nicht. Eher noch weniger oberflächlich. Schade drum. Wenn man die Scheibe mal bei Ebay oder im Second Hand Laden sieht und gerade Lust auf 70er Prog / Pomp / Hardrock hat, sofort zulangen.

Sonntag, 14. März 2010

VERGANGENE GROSSTATEN: MAY LYNN - May Lynn


(1988, Dänemark, Shark Records, 38.00)
1. Soldier
2. Joey Don't Care
3. The Shelter of the Night
4. Breakout
5. Dangerous Games
6. Backstreet Life
7. Fit for Fight
8. Long Way from Home
Diese höllenrare CD aus den späten 80ern hab ich bereits vor einigen Jahren günstig auf erstanden, irgendwo im Second Hand Laden oder auf einem Flohmarkt, nun, bereut hab ich es nicht. Ich bin jetzt im Moment grad beim fünften Song "Dangerous games" und bange mein Resthaupthaar zu den straighten, einprägsamen Riffs, treibenden Abgehvierviertelbeats und packenden Melodien. Skandinavienmetal pur, wie ich meinen möchte. 220 VOLT, die PRETTY MAIDS, MINDLESS SINNER, eventuell die harten Sachen der frühen EUROPE Scheiben vor "Final countdown" können beim melodischen Metal der Dänen Pate gestanden haben, SILVER MOUNTAIN vielleicht noch, es ist diese Schiene. Hochmelodisch, eingängig, stampfend bis treibend mit elegantem Ausdruck, der sich natürlich vom rohen Strassenheavymetal abhob. So sind MAY LYNN sicher keine Lederjackenrocker, sondern eher gut gekleidete Melodiker mit Hang zu knackiger Gitarre und solider Grundhärte. Gerade die mehrstimmigen Arrangements beim Leadgesang, die allenthalben auftauchen, schmeicheln den Ohren und der Seele. Böse Zungen könnten AOR Einflüsse in den Raum werfen, das weise ich nicht von MAY LYNN, aber sie sind geschickt in die Stücke eingeflochten und drängen die Band nicht krampfhaft in Richtung Radio, auch wenn so mancher Song wie das stampfende "Backstreet life" tatsächlich geschmeidig genug wäre, einem eher ruhiger gestimmten Radiopublikum den Tag zu versüßen. Aber dann sind da wieder diese grandiosen Gitarren, die betörend schönen Leads, die einfach nicht für die oberflächlichen Mainstreamer gedacht sind. Das könnte eher MAGNUM Freunden gefallen, obgleich der skandinavische Einschlag sehr deutlich zum Vorschein kommt. Ist 1988 auf SHARK RECORDS erschienen und könnte somit noch ab und an in Grabbelkisten deutscher Händler auftauchen. Bei Sichtung zuschlagen, die Scheibe ist todgeil, wenn man denn melodischeren, skandinavischen Metal liebt. Und für die romantischeren Momente wird der Stahlkopf dann ja mit flottem Heavy Metal entschädigt, dem eine hymnische Ader nicht abzusprechen ist. Klasse!

BRAN BARR - Sidh


(2010, Frankreich, Trollzorn, 58.44 min)
01. Origin - The Birth Of Fearg
02. Celebration - Son of Nuadh Amhach
03. Fury - Exile Of The Orphan
04. Passage - The Curse Of The Manimal
05. The Call - Gathering The Tribes
06. Rebirth - Morgan's Gift to Righ'Sidh
07. Profedïez
08. Revelation - In The Dominion of Kernunnos
09. Journey - The Grand Quest For The Magical Acorn
10. Ode Aux Lointains Souverains (Stille Volk cover)
Eigentlich wähnte ich mich aus dem Blackmetal schon so weit raus, dass ich mir ab und an DARK THRONE oder meine alten BURZUM LPs (ich geb es ja zu) anhören kann, aber mehr alten NWoBHM oder eben meine hunderte von 70s Progressive - und Heavyrockalben (die meisten auf CDr in einem Geheimarchiv, ja, ich bin ein Poser) anhöre. Nun, eine Band wie die vorliegende weiss mich aber zu packen. Denn die Franzosen BRAN BARR, die genau wie NYDVIND aus der Gegend um Paris kommen und sogar noch personell verwandt sind, spielen einen wunderschönen Folkblackmetal. Die Musik ist rasant und doch höchst melodisch in den derben Teilen, sie kann aber auch verzaubernd schön sein, wenn akustische Instrumente das Ruder übernehmen und eine sehnsuchtsvolle keltische Melodie erklingen lassen.Wiederum dann wird meist jenes Ruder zurück gen Metal gedreht, mit kräftig sägenden Rhythmusgitarren und packenden Riffs. Der traditionelle Heavy Metal Anteil ist nicht unbedingt als gering einzustufen und wird einige tolerantere True Metaller sicherlich versöhnlich stimmen, sobald "FOLK" und "BLACK METAL" ins Gespräch gebracht werden. Es wird sogar gerne einmal heroisch mit melodischer Stimme gesungen. Ansonsten aber geben BRAN BARR in allem was sie tun Stulle. Instrumental hat man ihnen nichts vorzuwerfen, das klingt tight auf den Punkt. Die Produktion ist rau belassen, lebendig mit schön scheppernden Becken an den Drums. Guter Schlagzeuger übrigens. Ein gute Anspieltipp ist der dritte Song "Fury - Exile Of The Orphan", welcher sämtliche Bandtrademarks in sich vereint. Speedmetalraserei, Blasteruptionen und furiose Soli, betörende Folkanteile, zorniges Knurren und Heldengesang. Das ist in der Tat ein feister Spass mit dieser Band, die im Juli 2010 unser schönes HÖRNERFEST musikalisch zum Brodeln bringen wird. Oder der sechste Song "Rebirth - Morgan's Gift to Righ'Sidh", welcher verstärkt mit Folkelementen aufwartet, neben den schwungvollen Passagen mit donnernder Bombarde über packenden Riffs auch auf zauberhafte Tin Whistle Abritte auf ungezähmten Blackthrashattacken setzt, jedoch eben mit der verstärkten Tendenz zur keltischen Urmusik. Und als drittes Wunderwerk unter all den Wundern stelle ich "Profedïez" vor, das mit urtraditionellem keltischen Gesang, der eher auf Lautmalerei denn echte Texte setzt, seinen Lauf beginnt und immer kraftvoller, treibender Wird, wobei die Tin Whistle beharrlich auf ihrem Kurs bleibt und nur die Rockinstrumentierung Fahrt aufnimmt. Mittelschnell wogende Hymnenhaftigkeit wird in mancher Passage auch hier in Anspruch genommen. Im Grunde ist hier sogar nur eine Grundmelodie gegeben, auf der die Rockparts aufgebaut werden, mal flotter, mal wogend, aber stets der Melodie der Tin Whistle folgend. Gigantisch. BRAN BARR spielen mit einer immensen Leidenschaft und Entschlossenheit zum wilden Tanze auf, Hut ab! Eigentlich hätte die Scheibe bereits vor drei Jahren draußen gewesen sein sollen, aber manchmal macht einem das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Ein Glück, dass sich mit TROLLZORN das richtige Label fand. TROLLZORN haben mit dieser und den drei zuletzt besprochenen Bands WULFGAR (SE) und NYDVIND gerade im folkigen Blackmetalbereich heisse Eisen im Feuer, da sie sehr viel Wert auf gutes Songwriting mit Wiedererkennungswert und gute Musiker legen, zwar sicherlich einen angesagten Sound bedienen, dies aber aus Überzeugung tun und auch täten, wenn es eben kompletter Underground wäre. Ein Label mit Blindkaufgarantie. Der Folkblackmetal von BRAN BARR mag eventuell keine Neuerungen in das Unter -, wie auch das Muttergenre bringen, da eine Band wie CRUACHAN das schon 1994 bis ins Detail, nur mit dreckeligerem Sound ausgetüftelt hat, aber sie werden den Altvätern keltisch melodischen Blackmetals gerecht mit ihren sehr gefühlvoll inszenierten Stücken, die mir Herz und Leib entflammen lassen. Ich freu mich auf den Sommer!

Samstag, 6. März 2010

THE FLYING EYES - The flying eyes



(CD, USA, World in Sound, 2009, 42.23)
Part A: Bad blood
01. Lay with me
02. Better things
03. Bad blood
04. Don't point your god at me
05. She comes to me

Part B: Winter
06. We are not alive
07. Red sheets
08. Around the bend
09. Winter
10. King of nowhere

Ich bin manchmal eher abgetörnt von den aktuellen musikalischen Entwicklungen. Das, was ich gerne höre, ist zuweilen bis zu 50 Jahre alt, die modernen, von digitaler Totproduktion und ätzenden, abgehackten, gefühllos und unkreativ gespielten "modernen" Krachgitarren, bis zu einer ganzen Oktave tiefer gestimmt, beherrschte Rockmusiksparten begeistern mich kaum bis noch viel weniger und wenn dann mal eine Retroband auftaucht, so ist oft die Vorlage wirklich geil, die durchgepauschte Kopie hingegen nur ein müdes Lächeln wert. Wenn überhaupt. Wirklich geil hingegen waren einige neuere Acts aber doch, vor ein paar Jahren ORANGE SUNSHINE aus Holland, die als Fuzzgitarrenpowertrio den alten BLUE CHEER (die damals durchaus noch aktiv gewesen sind) und anderen Helden wie CREAM und MOUNTAIN Konkurrenz zu machen drohten. Zuletzt waren es die Amis ASTRA mit ihrem Heavyprog a la KING CRIMSON und die acidbluesigen Heavyrocker DE WOLFF aus Holland, die mich wirklich zu packen wussten. Heuer sind dann nun THE FLYING EYES, Psychedelicrocker aus den USA dran, genauer aus Baltimore in Maryland. Bekannt ist der Bundesstaat für eine gesunde Doomszene, zu der u.a. EARTHRIDE, REVELATION, AGAINST NATURE, IRON MAN und LIFE BEYOND zählen oder zählten. Aber Psychedelicrock? Nun, wir dürfen gespannt sein. Auf der vorliegenden CD sind beide EPs der Band vereint worden, die "Bad blood" und die "Winter", jeweils einen Teil ergebend, der wiederum aus fünf Songs besteht. Fangen wir also mit dem "Bad blood" Teil an, lassen uns vom lässigen Bluescountryrock "Lay with me" einstimmen. Nicht durchgehend countrybluesrockig bleibt es, denn irgendwann setzen verzerrte, brodelnde Gitarren ein und sogar ein dahinschwebender melancholischer Psychedelicpart wird hier aufgefahren. Großes Kino. Aber was einen wirklich an die Pforten der Wahrnehmung und hindurch trägt, ist die Stimme des Sängers, die ein volles, warmes Timbre besitzt, etwas rau und dreckig kommt, in mittleren Lagen daheim ist und da eher die tieferen Gegenden bevorzugt, hervorragend zum "White Boy Blues" passt und einen mit ihrer hypnotischen Art betört, ja direkt aus dem Totenreich zu uns zu sprechen scheint, denn so singt doch nur einer, der Poet und Rauschmagier aus Venice Beach, Jim Morrison persönlich. Dagegen wirken die Songs der EP an sich ja noch recht konventionell, haben aber Charme und sind tatsächlich gut komponiert, locker strukturiert, mit Leidenschaft und Lust auf Sex, Liebe und Leben zelebriert und inbrünstig heruntergezockt. So auch der fetzigere Rocker "Better things", der unvermittelt abbricht und dem bluesigen Titelstück platz macht, welches zum Ende hin in ein melancholisches Psychedelicstück umschlägt. Treibender Bluesrock ist dann "Don't point your god at me", mit seiner grandiosen Farfisaorgel und den jaulenden, brodelnden Leadgitarrenklängen, die oft eine beschwörende Stimmung in ihrer innigen Vereinigung herbeirufen. Dieses Stück hätte gut zu "The Doors" (1967) oder dem finalen Meisterwerk "LA Woman" gepasst, wohl eher noch zum 71er "LA Woman", da 1967 noch nicht so sehr mit Sägegitarren experimentiert wurde, oder? Nun, egal, grandios, gigantisch, beschwörend, magisch, purer Sex für die Sinne. Ich sehe eine Legion von Acidrockern, die zu dieser Musik gezeugt wurde. Ob THE FLYING EYES Drogen nehmen, ist mir jetzt nicht bewusst, aber ihr Spiel klingt sehr entspannt und auf gewisse Weise davongeflogen, kann dennoch ekstatische Ausmasse annehmen und läuft stets abseits von allem Mainstreamgetue. Hier wird die Musik gelebt wie gespielt. Ein letztes schönes Highlight des "Bad blood" Abschnittes der CD ist "She comes to me", eine wundervolle Acidballade, deren Gitarrenmelodie ein wenig wie aus der Bahn geratener Folkrock klingt und Assoziationen an die BEATLES weckt, "Norwegian wood", you know? Dann aber kommen DOORS und LED ZEPPELIN in tiefster, friedvoller Stimmung zusammen und rauchen zusammen den großen Friedensjoint, der die britische und amerikanisch westküstliche Rockmusik für immer vereint. Eine eindringlichere Musik hab ich selten gehört, auch nicht von den Originalen der 60er. Das Cello in der zweiten Strophe vertieft den emotionalen Ausdruck des Stückes noch so sehr, dass ich meine Tränen der Rührung kaum zurückhalten kann und dahinschwelge, mich in bunten Welten verlieren und diese triste, kaltgraue Realität nie wieder betreten möchte. "When she comes...she comes for me...", aaah, ein einzigartiger Traum. Und so bauscht sich der Song dann auch mal kurz im Schlagzeugbereich auf, wird wild, explodiert beinahe, nur um wieder zurückzufallen auf eine Orgelpassage mit bezaubernder Melodie, bei der es einige rückwärts laufende Orgeleinlagen gibt. Wow, nun hinterlässt es mich beinahe gebrochen, da treibt ein fetter Hardrock drauflos und ich werde vom unwiderstehlichen Groove mitgerissen. "We are not alive" ist der Titel, nun, wetten möchte ich nicht darauf. Eine eruptive Mischung aus fetzender Gitarre und kräftiger Orgel bildet die Grundriffs, wobei in der Strophe Gesang und Rhythmuscrew das Sagen haben. Das Feeling ist so urtypisch 69, 70, 71. Gar nicht "retro", sondern authentisch. Der schwebende Psychedelicpart in der Songmitte hat was für sich, ebenso wieder mystische Freakout mit brodelnden Klampfen und wildem Drumming, dann der furiose Ausbruch mit krachenden Orgeln und Äxten und der abrupte Schluss. Bluesig und rockend geht es wieder zurück in die Mitte der 60er zu "Red sheets", wo die DOORS tatsächlich noch die DOORS OF PERCEPTION gewesen sind. Die Hardrockeinlagen passen aber nicht zur Zeit, klingen eher nach 1971 oder 72. THE FLYING EYES springen geschickt zwischen den Jahren und auch wenn von 1965 bis 1972 nur sieben solcher Jahre vergangen sind, so war die Entwicklung in der Musik doch so gewaltig, wie sie später nie mehr sein sollte. Ein jammiger Leadgitarrenausbruch mit verzerrtem Bass spricht von moderner Aufnahme, denn diese Art mit einem Song die Seele des Zuhörers weichzukochen, ist bereits vor vierzig Jahren vollends perfektioniert worden. Eigentlich kann ich jetzt schon nicht mehr, aber "Around the bend" bringt mich wieder runter, hier wird wiederum ruhiger, mit effektüberladen wabernden Gitarren, Folkrockfeeling und Sonnenschein im Gemüt geboten, ganz entspannt und wunderschön. Mein Kaffee ist alle, merke ich gerade und es macht mir nichts aus, gefangen in der dämmerigen Strophe des Stückes und wieder ausgespuckt, hinaus auf die Straße zum Weiterziehen im lockeren Refrain. Die Strophe spricht von Lagerfeuer, Kuscheln und mehr mit fremden, aber besonders schönen Mädchen, einem Joint hier, etwas Meskalin da. Und man schwebt dahin über die weiten Wege, vorbei an allem, was die Zeit so vergessen hat dastehen lassen. Mit etwas Gitarrenfeedback setzt das Titelstück ein. Lockerer Boogie, erdiger Bluesrock und geheimnisvolle Psychedelik treffen auf einander, paaren sich auf einem Fundament aus sexy Rhythmen und geben einen lässigen Groover ab, der einen weiteren Hit im Fundus der Band darstellt. Ich fasse es nicht, wie hinreißend und bewegend diese Mucke ist. Man könnte sich über Stunden diese CD reinziehen, sich in Trance tanzen und immer wieder neue Grenzen der Wahrnehmung überschreiten. Nur wenige Alben, auch bei den Originalen der 60er, hatten solch eine gigantische Wirkung. "Tje Doors" von 1967, das Debüt der kalifornischen Helden war ein solches. Irgendwann ist man in "Winter" dann bei einem eher dem Prog zuzurechnenden, ruhig dahinfließenden Part angekommen, der in einen treibenden, bis in die pure Ekstase hineingehenden Part mündet, über dem irrwitzig soliert wird, dann stampfend wie bei Tänzen der amerikanischen Ureinwohner mit Acidrockbekleidung die Sinne betört und in die Unendlichkeit entgleitet. Ruhig, auf gewisse Weise fröhlich und doch nachdenklich kommt der "King of nowhere" dahergeschlendert. Das ist ausnahmsweise mal nicht so DOORS lastig, ich kann aber nicht sagen, woran es mich erinnert. US Psychedelic Singer Songwriter der späten 60er, ja. Vielleicht VELVET UNDERGROUND? Vielleicht Neil Young, vielleicht beides zusammen? Vielleicht an die fragile Bekifftheit mit verstimmten Gitarren, die MONSTER MAGNET Anfang der 90er zelebriert haben? Oder an 80er Alternapsyche wie SEBADOH? Nun, die Helden der 80er und 90er haben sich eben an den gleichen Wurzeln orientiert wie nun THE FLYING EYES. Das sachte, zerbrechliche und so himmlische Glockenspiel mit ganz sanfter Gitarre am Songende ist noch einmal eine gigantische, wenngleich zauberhaft sinnliche Erfahrung, dann kommt das Ende. Eine kurze Note noch und es ist vorbei. Und ich, meine Damen und Herren, ich bin spirituell ausgebrannt, nurmehr ein Häufchen Asche, aus dem mein Geist wie der mystische Vogel Phoenix neu geboren wird. Hallelujah! Dies ist mehr als nur eine CD, dies ist eine spirituelle Erfahrung.

HYKSOS - Hyksos



(CD, USA, High Vaultage, 1982/2003, 72.38)
01. Going Insane
02. No Escape
03. In the Past
04. Strut
05. The Kings
06. Shadow of a Stallion
07. I Wanted You
08. Ballerro
09. The Green Manalishi
10. A Way to You (bootleg)
11. Victim of Changes (bootleg)
12. Strut (bootleg)
13. Shadow of a Stallion (bootleg)
14. Ballerro (bootleg)
15. The Green Manalishi (bootleg)
Es bleibt der Metalwelt auch nicht das obskurste Album als Reissue erspart, was? Aber in diesem Fall macht es nicht nur Sinn, sondern auch eine ganze Menge Spaß. Denn HYKSOS waren nicht irgendeine gesichtslose 80s Band mit austauschbaren und uninspirierten Durchschnittssongs. Ihre 82er LP kam zu einer Zeit, wo die Bands noch ihre Roots in den 70s hatten und auch auslebten, was sich bei HYKSOS in einem sehr ungezwungenen, lebendigen Songwriting äußerte. Wenn die Band mal anfing, auf einem treibenden Riff basierend, mit einem hypnotischen Beat unterlegt herumzujammen, da blieb einem die Spucke weg. Und keineswegs vergaßen die Amis, eine spannungsgeladene Struktur in ihre von schön mahlenden Gitarren dominierten Songs zu bringen, selbst bei solchen Instrumentalaktionen. Ein Killer sind sicher die Coverversionen von FLEETWOOD MACS „Green Manalishi„ welche sich stark an der 78er Adaption des Stückes durch JUDAS PRIEST orientiert und das PRIEST Original "Victim of changes" bei den Bonusstücken. In ähnlichen Regionen fischen HYKSOS übrigens auch, eine Melange aus brodelnd schwerem Hardrock und furiosem Metal, originell konzipiert, sehr leidenschaftlich dargeboten. Wilde Soli schlängeln sich auf den Rücken der erdigen Songs, welchen zuweilen ein leicht episches Feeling nicht abgeht. Der Sänger singt, wie ihm die Schnauze gewachsen ist, technisch weitab von der ultimativen Perfektion, aber dennoch immer mit dem nötigen Quentchen Melodie und einem unheimlichen Charisma, den Songs ihren Wiedererkennungswert zu schenken. Sein manchmal leicht hysterischer Ausdruck tut der Freude keinen Abbruch. Zuweilen, das muß ich sagen, bewegen sich HYKSOS sogar noch von ihrem Standpunkt aus 10 Jahre in die Vergangenheit und bolzen uns wundervollen, glühend heißen Powerrock mit diesen schrabenden, zermalmenden Gitarren vor die Birne. Da sind ein paar Passagen, bei denen der Bass einfach brutal aus den Boxen rotzt und zusammen mit den hart treibenden, aber verspielten Drums ein solides Fundament für die gleißend hell blitzenden, Feuer versprühenden Gitarren bildet. Es packt Dich, es reißt Dich mit und es zerfetzt Dich. Argh! Als hätte man DEEP PURPLE 1972 eingefroren, 1982 wiedererweckt und ihnen den Keyboarder geklaut, sie dann mit JUDAS PRIEST gepaart und den Bastard auf die Bühnen losgelassen.. Kick ASS! Die Burschen spielen sich aber auch oft in einen wilden Rausch mit sich duellierenden Leadgitarren, die den Hörer bis über den Rand der Ekstase hinaus treiben, wohin die Band ja schon vorher abgeflogen ist. So lobe ich mir gute Platten, nicht nur ein Hörvergnügen, sondern ein Erlebnis, nicht allein Musik, sondern eine einzigartige spirituelle Erfahrung. Das über achtminütige „Ballero“, ein instrumentaler Kracher mit eben jenen Endlosjams veredelt ist auch gleichzeitig mein Highlight. Wird später dann noch bei den sieben Bonustracks, die diese Reissue auf satte 15 Songs bringen, als Demoversion nachgereicht. Wild! Verdammt wild!

Dienstag, 2. März 2010

BLACK TORA - Rise of the tora

(CD, USA, Rock Quarry, 2009, 41.05)
01. Burn Out
02. Never Enough 03:08
03. Criminal 04:30
04. Wild Child 04:06
05. Stealing Thunder 04:00
06. Don't Drag Me Down 03:22
07. Born To Rock 03:01
08. Haywire 03:05
09. The Slayer 04:40
10. Hearts On Fire 03:47
11. Warrior 04:17
Für mich ist dieses texanische Powertrio eine der coolsten aktuellen Entdeckungen im metallischen Hardrock und rockenden US Heavy Metal, welche mir in den letzten Jahren über den Weg gelaufen ist. Man denkt gar nicht, dass diese Platte von 2009 ist, die Musik, der Stil, alles klingt so herrlich traditionell nach den Jahren 1978 bis 1981. Hier wird typischer Amisound geboten, der jeden Fan von RIOT auf den ersten fünf Platten, THE RODS, VAN HALEN, härteren Y & T und ähnlichen Bands in die Komplettekstase treiben sollte. Klar, innovativ ist das hier sicher nicht mehr, aber die Musik hat Seele, ist komplett von Hand gespielt, sehr gut, klar und doch lebendig produziert und zeigt so manchen kommenden Kultsong, der mit enormem Hitpotential ausgestattet ist. Die Stimme des Sängers ist ebenso prototypisch, leicht bluesig, aber in helleren Lagen, eben eine geile Rockröhre. Diese Band spielt so klassisch zum Hardrocktanze auf, es ist ein absoluter Ohrenschmaus. Trendhüpfern ohne Geschmack wird das hier wohl kaum reinlaufen, aber das Risiko gehen BLACK TORA gerne ein. Sie zeigen der Musikindustrie den Fuckfinger und lärmen so befreit herum, als hätte es die letzten knapp über dreissig Jahre Entwicklung in der Rockmusik nicht gegeben. Das ist absolut stadiontauglich und sollte doch in kleinere Clubs mit intimerer Atmosphäre die Stimmung zum Überkochen bringen. Sie machen sicherlich auch vor sanfteren Tönen nicht halt, jedoch wird die Überkitschung vermieden, welche das Genre in den späten 80ern und bis zum Niedergang um 1991 herum heimsuchte, stattdessen gibt es eine offengelegte Musikerseele, in deren tiefste Abgründe ein jeder blicken darf, wenn er sich denn traut, alles verpackt in gefühlvoll und durchdacht inszenierte, sanftmütige Melodien. Ich bin fasziniert von dieser Kapelle und kann nur jedem empfehlen, der es noch immer original Late 70s styled mag, zwischen NWoBHM und LA Hardrock, sich hier richtig gut aufgehoben zu fühlen.