Dienstag, 21. September 2010

MUGSTAR - Lime


(2010, Important Records, UK, 40.07 min)
01. Sunburnt impedance machine
02. Serra
03. Radar king
04. Beyond the sun
MUGSTAR sind eine britische Spacerockband aus Liverpool und passen so gar nicht zum Bild der Stadt am Mersey River. Keine Beatmusik, sondern betörend mystische Gitarrenmelodien und repetative Songstrukturen sind hier gefragt, Bands wie HAWKWIND, CAN, KRAFTWERK, früheste PINK FLOYD und ähnlich gelagerte Helden standen Pate. Da wären wir auch gleich im ersten Song. Die einleitenden Läufe sind herrlich dunkel und verzaubernd, die intensiven Gitarrenmelodien verbreiten eine sehr intensive mystische Atmosphäre. Ein wenig textloser Gesang erscheint, entschwindet rasch wieder. Es ist der einzige Gesangseinsatz auf dem kompletten Album. Eine sich stets wiederholende Basslinie drängt in den Vordergrund. Um sie herum bauen sich Strukturen von Schlagzeug, Gitarren, Orgel und Synthesizer auf, mal der gekonnt inszenierten Monotonie der Basslinie folgend, mal eruptiv und wild. Die Stimmung hier ist hypnotisch, den Rand der Ekstase touchierend, bei einigen Breaks sogar überschreitend. Hier lassen, rein von der Ausstrahlung her, die alten Helden grüßen und MUGSTAR schließen direkt zu ihnen auf. Dann ein abruptes Ende, der Song bricht zusammen, ist fort. Wohin geht die Reise nun? Gewabere vom Synthesizer, ein treibender Beat, ein Basslauf, welcher diesem Beat folgt. Sporadische Einspielungen der relativ klaren Acidgitarre, ein Saxophon mit frei gespielten Läufen und verschiedene synthetisch erzeugte Klapper - und Blubbergeräusche betören Dein Gemüt. Du schwebst auf diesem nach wie vor hingebungsvoll die Monotonie zelebrierenden Sound, bis dass alle Klangspuren miteinander verschwimmen und zu einem Strom verschmelzen, der Dich mit sich trägt. Keyboardmelodien erscheinen und bringen durchaus einen Hauch Wave / Pop mit sich, der den Spacerock von "Serra" gekonnt auflockert. Hier sind die Einflüsse von TANGERINE DREAM und KRAFTWERK sehr deutlich, werden mit CAN Elementen verbunden. Wenn man denn Vergleiche braucht. Ich bin fasziniert, denn auch wenn viele Bands heuer Spacerock spielen und sich auf die alten Helden und Tugenden berufen, man muss dafür geboren sein. MUGSTAR sind es. Zum Ende von "Serra" hin kommt eine schöne Farfisaorgel ins Spiel, welche an amerikanische Westküstensounds von 1968 denken lässt, der Garten des Lebens öffnet dem Schmetterling aus Eisen hier seine Pforten. Schöne melodische Independentrockgitarren kontrastieren die knarzende Orgel. Very british, indeed. Aus der Monotonie heraus werden wunderschöne Melodien geboren, die nicht von dieser Welt zu stammen scheinen und doch bleibt "Serra" seiner Linie treu, lässt nicht ab von den spröden Saxophoneinsprengseln und den repetativen Grundstrukturen. "Radar king" hiernach ist ein heftiger Rocker mit intensiven, brodelnden Melodien und donnernden Rhythmen, der wie ein vom Sturm aufgepeitschtes Meer tobt und wütet, aber auch ganz sachte, entspannte Momente in sich trägt, welche der geprügelten Seele einige Augenblicke der Ruhe gewähren. Der Song nimmt einige Kurven und gelangt über verschlungene Pfade ans Ziel, lässt betörende Passagen über wuchtigen Rhythmen schweben, trägt Dich mit Kraft hinaus ins freundliche Universum, direkt zur Quelle des universalen Bewusstseins. Ja, das hier ist definitiv Musik, welche Dich auf eine andere Ebene bringt. Auch "Radar king" hat diese Steigerungen der Intensität hinein in wilde, krachende Bereiche, die jedoch stets von straighten Bassläufen getragen und von dunklen, machtvollen Melodien im Zaum gehalten werden. Nun sind wir der Sonne verdammt nah gekommen und haben uns direkt unter ihr einen Platz besorgt, so verheisst der nächste, letzte Titel. Eine knarzende Orgel macht den Anfang, dazu gesellt sich ein hübscher Independentbass. Ein leichtes Schlagzeugspiel reiht sich ein und schon schwebt man auf einem wundervollen Klangteppich hinfort. Da ist aber doch wieder der wortlose, mystische Gesang im Hintergrund. Hinhören lohnt sich also doch. Flatternde Synthesizer verdichten die Atmosphäre, sachte gespielte Gitarrenjauler tauchen auf, weit hinten im Klangdickicht verborgen. Dann ein Bruch und die Rückkehr in den schwebenden Teil des Songs. Die Atmosphäre ist so friedvoll, so erhaben. Hier steckt die pure Liebe in jedem kleinen Detail. Der Gesang wird sogar lauter und doch bleibt er nur ein kleines Detail in einem üppigen Arrangement. Die Gesamtmelodie des Stückes mag sich wiederholen, aber was auf diesem Album wiederholt sich nicht? Sie flüstert Dir zu, wie Du mit dem universellen Bewusstsein verschmelzen kannst, wie Du Deinen Geist befreien kannst. Und im Grunde ist sie sogar das Werkzeug dazu. Also, der britische Spacerock mit krautigen Wurzeln ist am Leben und stärker denn je zuvor. Sogar die Urväter HAWKWIND haben ja in diesem Jahr eine neue Platte gemacht. Ich kann diese Scheibe von MUGSTAR jedem Fan krautig spaciger Klänge empfehlen, sofern die Seele weit offen steht und man sich treiben lassen kann. Grandiose Scheibe, wenn auch nicht innovativ. Aber dann frag ich mich auch, warum man Perfektion mit Innovationen zerstören sollte? MUGSTAR sind das Universum und das Universum ist perfekt...

Sonntag, 5. September 2010

OBSKURIA - Burning sea of green


(2010, World In Sound, BRD/USA/PERU, 45.52)
01. A - bun - dance
02. Somewhere
03. Why?
04. Black magic
05. Under the gallows
06. Slow stone
07. Memories of Mysteria
08. Screaming like a whirlwind
09. Burning sea of green
Dem guten alten Acidrock und Heavypsyche geht es momentan anscheinend besser denn je. Die spassige Jamband OBSKURIA aus Deutschland, Peru und den USA bestätigt dies. Eigentlich war es ein Studiojam anlässlich des TRIP IN TIME Festivals 2006, dort traten u.a. die TREACLE PEOPLE aus Süddeutschland, die 70er US Acidrocker DRAGONWYCK und die peruanischen Spacepunks LA IRA DE DIOS auf, wurden von WORLD IN SOUND Labelchef und Festivalmacher Wolf abgefüllt und zum Jam gebeten, inklusive Coverversion von METALLICA "For whom the bell tolls" und ab dafür. Ein acidrockig heavypsychedelisches Album erschien 2007 und man dachte, dass es das gewesen sei. Falsch...2010 sind OBSKURIA wieder da. Ihr Heavypsyche ist geblieben, mal bluesiger, mal etwas moderner mit dezentem Waverockeinschlag und hektisch groovenden Rhythmen, aber stets wunderschönen Melodien. Die Mitglieder der TREACLE PEOPLE sind aus dem Line Up verschwunden, LA IRA DE DIOS komplett verblieben, dazu als Gitarrengott DRAGONWYCK Mastermind Tom Brehm. Hinzugekommen sind Organistin Sandra Disterhöft, Sänger Matthias Schäuble und Sängerin Murielle Stadelmann. In dieser Besetzung ist eine mächtige Acidrock CD gelungen, welche die klassischen Motive und Elemente des Genres in die Gegenwart trägt und erfrischt auf die geneigten Säureköpfe loslässt. Allein der fast dreizehnminütige Titeltrack am Ende der Scheibe ist schon eine grandiose Abfahrt, pendelt zwischen brodelndem Psychedelicbluesrock, verhalltem Orgelhardrock auf Basis von Blues und Boogie und krachenden Soundwällen mit Freakoutcharakter bzw. steigert sich von einer Station zur nächsten. Sängerin Murielle liefert eine heimsuchende, betörende Performance ab. Sie ist eine klassische Blueschanteuse, bringt aber bei diesem Stück eine gewaltige Portion LSD geschwängerter Phobien ins Spiel und lässt den Hörer regelrecht erbeben.
Neben "Burning sea of green" hat sie noch einen besonders starken Moment. Eine Acidrockband covert SLAYER. "Black magic" um genau zu sein. Hier regiert der fröhliche Psychedelicpunkrock mit lyrisch deftig satanischer Kelle, die natürlich unfreiwillig komisch wirkt, da die SLAYER Burschen beim Komponieren des Songs wohl alle erst 16 bis 20 Jahre jung und durchaus grünohrig waren. Anyway, im Psychedelicrockgewand klingt das Stück frech und frivol und lädt zum Besinnungslostanzen ein. Sweet! "Under the gallows" ist das Meisterstück von Sänger Matthias, welcher für mich eher zu Indie - und Postpunkbands bzw. 80er Gothic / Gruft Sounds passen würde. Ein sehr schöner Kontrast zu Murielle und für dieses ungezwungene, freimütige Album gerade richtig. Und so ist "Under the gallows" ein Mix aus hektischem Wave / Postpunk Sound der 80er mit nervösem, hypnotischem Drumming, simplen Gitarrenthemen, Sandras Old School Acidorgel, monoton betörendem Gesang und pumpendem Bass, der zwischen 60ern und 80ern seinen eigenen Weg sucht. In der zweiten Hälfte wird der Song ekstatisch, die Gitarren surren und zischen effektüberladen dahin, die Leads kommen wie von einem Besessenen zelebriert, alles scheint schier zu explodieren. Wer jetzt nicht zusammenbricht, der braucht diese Scheibe nicht zu hören. OBSKURIA machen es richtig und vereinen die Vergangenheit und die Gegenwart zum Sound der Zukunft. Das Album klingt so leidenschaftlich und bittersüß wie die Psychedelicscheiben der späten 60er, hat aber gleichzeitig die Melancholie späterer Independend - und Gruftrocksounds dabei. Und es wirkt stets wie aus einem Guss. Wenn das hier nur eine Jamband ist, dann würde mich mal interessieren, wie eine feste, konsequent durchgezogene Zusammenarbeit klingen könnte. Es ist grandios...