Donnerstag, 17. Juli 2008

Orion's Beethoven - Superangel (1973, Argentinien, Polydor)

(1973, Argentinien, 39.32 min).
1. Superangel (17:37)
2. Retrato de Alguien (03:55)
3. Hijo del Relampago (11:34)
4. Sinfonia Nro 8 en Si Menor (06:18)
Argentinier hatten es in den vergangenen Jahrzehnten trotz verdammt guter Bands immer schwer, in der internationalen Rockszene mitzuhalten. Warum, das weiß der Himmel, ich jedenfalls nicht. Es kann eventuell daran liegen, daß man gerne die englische Sprache beim Gesang vermeidet und lieber im heimischen Spanischdialekt die Botschaften zum Besten gibt. Sei es drum, so langsam entdeckt die Welt den argentinischen Rock, Hardrock und Metal.
ORION'S BEETHOVEN haben dieses, ihr Debütalbum, 1973 veröffentlicht, als die Musik sich langsam vom intensiven und besonders bedröhnten Psychedelicgejamme hin zu anspruchsvollem Progressivesound und kompakterem Heavyrock wandelte. Sie selbst entschieden sich für eine Melange aus allen drei Komponenten, immer mit einer recht düsteren Ausstrahlung versehen. Spielerisch war man durchaus begabt, wie das bei einigen 70er Bands so war. Man konnte sich eben noch nicht hinter einer digitalen Soundwand verstecken, sondern mußte sein Talent offen darlegen. Und das tun ORION'S BEETHOVEN hier mit Freude. Vom harten, dunklen Eröffnungsteil des Titelsongs, der treibenden Hardrock und Psychedelic vermengt geht es zu einem von akustischen Gitarren getragenen Songabschnitt, der eine etwas positivere Stimmung verbreitet, bevor dann eine schöne Psychedelicgitarre den etwas wuchtigeren, verspielten Powerrock zurückholt. Wirklich derbe verzerrt allerdings ist die Gitarre zu keiner Zeit. Der akustische Part wird wiederholt, diesmal nur mit voller Bandunterstützung und einer grummelnden E Gitarre hinter der Akustischen. Cool, verdammt cool, auch sehr einprägsam.
Doomig geht es in die nächste Runde. Der psychedelische Hardrock, der sich dann tänzelnder Weise daraus bildet, betört die Sinne. Irgendwo hat man auf einmal einen heißen Tanzpart mit Saxophonen als Leitinstrument, dann einen fetzigen, groovigen Gitarrenabflug. Und man wird gar nicht anders können, als sich wie besessen in einen Rausch der Lust zu tanzen. Und da ist auf einmal wieder dieser morbide Doompart, der mit dämonischer Intensität die Ankunft des Allmächtigen anzukündigen scheint, wieder der fetzende Heavypsyche, dann ein eruptives Aufbäumen der ganzen Band und Schluß. Über 17 Minuten dauerte dieser Song.
Im zweiten Teil Namens "Retrato del Alguin" hat die Band einen bluesigen Ausdruck in Verbund mit psychedelischem Sound, mit knapp vierMinuten ist das hier nur ein Appetizer auf den kommenden Longtrack "Hijo del Ralampago", der eine vom Wahnsinn befallene Band in allerbester Jamlaune zeigt. Ein wenig Blues ist auch hier drin, sehr viel alle Sinne betäubende Düsterpsychedelik dazu. Der Song dreht und wendet sich wie eine Natter in der Falle. Ruhige Passagen, treibender Rock mit geheimnisvollen Melodien der Leadgitarre, Parts mit schnodderigem Gesang, ORION'S BEETHOVEN lassen nichts aus.

Donnerstag, 24. April 2008

Paolo Rustichelli / Carlo Bordini - Opera Prima (1973, Italien, BMG Ricordi)


(LP/CD, 6 Songs, 40.20)
01. Nativita
02. Icaro
03. Dolce sorella
04. Un cane
05. E svegliasi in un como
06. Cammellandia
Hier gibt es keinen Bass zu hören, keine Gitarre, nur Schlagzeug, ein ganzes Arsenal an Tasteninstrumenten und sehr ruppigen Gesang, der in seiner ebenso kaputten wie charismatischen Art kaum zum symphonischen Progrock der beiden Italiener passen will. Das Album fesselt und fasziniert mit seiner Vielfalt an Klavier -, Synthesizer -, Orgel - und Mellotronläufen, die oft in mehreren Schichten übereinandergestaffelt einen sehr dichten Klangteppich ergeben. Mal baut sich eine gewaltige Woge verdrehter Melodien auf, die mit dem britischen Progrock a la ELP verwandt, in ihrer konsequenten Ausrichtung gen Tasteninstrumente aber wesentlich kompromissloser wirken. Carlo Bordini ist ein erstklassiger Drummer, der genau weiß, wie er die einzelnen Abfolgen zu akzentuieren, sogar wann er die Stöcke stillzuhalten hat. Bei den oft geheimnisvoll klingenden Spaceparts wirbelt er einem rasenden Dervish gleich über Becken und Toms, zeigt seine Besessenheit von dieser Musik, die Elemente von Klassik und Jazz, aber auch von traditioneller Musik in einem Rockzusammenhang verbindet und gerne auch sanfter, gefühlvoller angelegt sein kann. Es gibt wunderschön fragile Stellen von pastoraler Schönheit, dann auch kalte Düsternis, in der die Keyboards wie fleischgewordene Maschinen agieren. Immer wieder greift Mastermind Paolo Rustichelli auch ganz selbstbewußt zum Mikro und krächzt sich einen zurecht, was einem schon den Spaß an dieser Musik etwas vergällen kann, wenn man sich nicht auf seine ruppige Gesangsweise einzulassen vermag. Mir gelingt dies ganz gut und ich finde, daß er den zuweilen vorherrschenden Schönklang während der Gesangspassagen eindrucksvoll kontrapunktiert. Wie gesagt, ELP in kompromisslos, das gilt auch für die Vocals. Ein Schmusekater wie Greg Lake hätte hier gnadenlos verloren. Durch die Vielschichtigkeit der Arrangements wird man viele Details nicht gleich beim ersten Hören erkennen, man muß sich regelrecht in diesen Klangstrom hineinfühlen, langsam vortasten, die Scheibe mit intensiver Aufmerksamkeit bedenken, bevor sie ihre vollkommene Pracht entfaltet. Progliebhaber sollten nicht zögern, denn hier gibt es Symphonicprogrock ohne die typisch italienischen romantischen Elemente. Wertung 85 %

Nuova Idea - In the beginning (1971, Italien, ARISTON)


(LP/CD, 5 Songs, 36.01)
01. Come come come (vieni vieni vieni)
02. Realtà
03. La mia dcelta
04. Non dire niente (ho già capito)
05. Dela amore
Dieses Album stammt noch aus der Frühphase des italienischen Progrocks, dementsprechend stark orientiert sich die Band an englischen Vorbildern wie URIAH HEEP, BEGGAR'S OPERA, ARZACHEL oder den MOODY BLUES, immer mit einer hardrockigeren Kante versehen. Der Opener ist eine zwanzigminütige Suite, die mit klassisch inspiriertem Orgelprog beginnt, dann jedoch rasch in relativ entspannten, fröhlich klingenden Powerpop mit Fuzzgitarren umschlägt und hier eine Weile verbleibt, bis eine ruhige, lyrische Passage ein neues Kapitel einleitet. Weiter geht es mit romantischem, melodischem Bombastpoprock, bei dem die verzerrte Gitarre jedoch ordentlich brodelt und die Chorgesänge den Hörer in Frühlingsstimmung versetzen. Urplötzlich schlägt der Song um, zuerst kommt ein ellenlanger Solopart des Schlagzeugs, dann ein paar jazzige Läufe, schließlich geht es zurück in wilden, sehr fetzig gespielten Klassikrock mit Orgel und einer Leadgitarre, wie sie u.a. der gute Jimi Page zu LED ZEPPELIN Debützeiten gerne gezupft hat. Fett! Gerade die Mischung aus spannendem Protoprog, gerade beim monumentalen Ende des Stückes spürbar, und poppigerem, dennoch hartem Rock mit einigen balladesken Anklängen bringt die Seele in Wallung. Abhilfe schafft da eine bittersüße, pathosbeladene und doch wenig kitschige Ballade, die an zweiter Stelle des Albums steht und sich rasch als einleitender Satz eines treibend harten Rocksongs mit geheimnisvoller Gesangsmelodie und tollen Flöteneinlagen entpuppen will. Aber nein, auch hier wurden wir getäuscht, denn da ist wieder der liebenswerte Schmalz italienischer Balladenkunst. Es scheint sich um eine ruhige Strophe und einen wilden Refrain zu handeln, denn gleich nach dem Schönklang folgen wieder pumpender, dampfender Hardrock mit Flötenbegleitung und ein furioses Gitarrensolo, dann ein wildes Crescendo aller Instrumente zum Schluß. Reine Progfanatiker mögen hier eventuell noch nicht so begeistert sein, weil die Scheibe doch relativ straight und groovend rockt, aber wer den Tellerrand überblicken und gute Musik für sich entdecken mag, der liegt richtig. Mich erinnern NUOVA IDEA erstaunlicher Weise an die frühen Alben der ungarischen Kultband OMEGA, die eine ähnliche Kompositionsweise an den Tag legten. Powergitarren, romantische Melodien, röhrende Orgeln und eindringlicher Gesang. Die Italiener sind übrigens keinen Deut schwächer als sämtliche Kollegen zwischen Stockholm, Berlin, London, Brüssel und Den Haag. Und selbst die Balladen stehen ihnen zu Gesicht. Man kann durchaus gefühlvolle Songs mit Kuschelfaktor ohne zuviel Kitsch inszenieren, aber natürlich ist bei jedem Hörer die Schmalzgrenze anders hoch gelegt, es kann also sein, daß ich da relativ schmerzbefreit rangehe. Aber mir gefallen diese sanften, sich während ihres Ablaufes jedoch immer wieder steigernden Kompositionen. NUOVA IDEA haben eine sehr charismatische Art, den musikalischen Standardphrasen ihrer Zeit noch einiges an Eigenständigkeit abzuringen, daher ist dieses Machwerk zwar rasch kategorisiert, wird aber durch seine Frische und Leidenschaft den Hörer über lange Zeit wieder und wieder fesseln. Wertung 85 %

Dienstag, 15. April 2008

Emperor - Anthems of the welkin at dust (Candlelight, 1997, Norwegen)


(LP, 8 Songs, 43.58 min.)
01. Alsvartr (The oath)
02. Ye entrancemperium
03. Thus spake the nightspirit
04. Ensorcelled by khaos
05. The loss and curse of reverence
06. The acclamation of bonds
07. With strength I burn
08. The wanderer
Ein geheimnisvoller unverzerrter Gitarrenlauf mit dunkler, leicht folkiger Atmosphäre eröffnet das Zweitwerk der norwegischen Kultblackmetaller EMPEROR, die sich hiermit von allem tumben Getrümmere entgültig verabschieden und progressiven Klängen zuwenden. "Alsvartr (The oath)" wurde von Onkel Euronymous komponiert, dem früh dahingemetzelten Mastermind der großen MAYHEM (aber erst ab dem "De mysteriis dom sathanas" Album, die "Deathcrush" war, mit Verlaub, völliger Spritzwurf). Langsam baut sich dieser Song auf, wird dunkler, morbider, monumentaler und mystischer, entwickelt sich zum Ende hin zu einem hymnischen Schlachtengesang, bevor es rasend schnell und furios zum Blackmetalgeschehen übergeht. "Ye entranceemperium" tost und knallt wie tollwütig, zeigt aber gleichzeitig eine Band, die Kontrolle über das Chaos hat. Die Riffs sind oft nicht unbedingt wirklich harmonisch, aber genau diese Schrägheit macht ihren Reiz aus. Die Komposition an sich ist geradlinig, sehr pompös und gewaltig. Es kommt zu melodischeren Einschüben, die Progrockeinflüsse erkennen lassen und das inmitten eines urgewaltigen Metalgewitters. EMPEROR klingen hier fast schon wie ein gewaltiges Orchester. Die Keyboards halten eine wichtige Rolle auf diesem Album inne, obschon sie das Material nicht verwässern, sondern umso intensiver werden lassen. Mich hat es elf Jahre gekostet, in diese Melange aus Krawall und Kreativität hineinzutauchen und mich von ihr fortspülen zu lassen, nun ist es soweit. Oh wie wundervoll ist das Entdecken, wenn die Band rasend vor Wut krankhaftes Riffing entfesselt, dazu in einem Höllentempo die Rhythmen hinausdonnert und immer wieder in hymnische Gefilde abdriftet, mal bei den ganz extremen Passagen, mal in gemässigteren Momenten. "Ensorcelled by khaos" ist solch ein Stück, das vor Kreativität übersprüht. Raserei, Hass, dann ein Moment des reinen Klassikbombasts und danach ein rauher, kratziger und doch mit ergreifenden Melodien bestückter theatralischer Abgang, kurz bevor eine Brücke nur mit epischen Riffs und kratzig grollendem Gesang darüber wieder gen Krawall deutet. Falsch, sie führt Euch in die Irre, denn wieder kommt diese schöne theatralische Passage mit grandiosem Chorgesang. Dieses Element haben EMPEROR auf "Anthems of the welkin at dust" stärker als zuvor ausgebaut, was der Musik nur zuträglich ist. Krawall bricht wieder über den Hörer herein, aber das Riffing ist sehr eindringlich, das Tempo wird gewechselt, die Passagen stehen und fallen in kurzen Abständen, ohne den Song aber zu chaotisch wirken zu lassen. Das einzige Problem, neben der extremen Ausrichtung natürlich, für Progfreunde, dürfte bei diesem Album der klirrende Sound sein, der die Musik verzerrt darstellt. In den eruptiven Passagen kommt das natürlich hervorragend, bei den schwelgerischen Momenten muß man sich erst an die spröde Art des Klangbildes gewöhnen. Aber das klappt rasch. Auch die B Seite meiner alten LP macht keinen anderen Eindruck als die A Seite. Hier gibt es Songs zu entdecken, die sich zwar aus einigen geraderen Abschnitten zusammensetzen, durch das rasche Wechseln aber den Hörer zur Aufmerksamkeit zwingen. Die vielen filigranen Feinheiten hier sind natürlich durch den räudigen Blackmetalklang nicht sofort zu entdecken, aber genau das ist der Vorteil des Albums. Du willst es hören, willst tiefer und tiefer in diese geheimnisvolle Soundwelt eindringen und ihrer Schätze gewahr werden. "The loss and curse of reverence" wurde ja als Maxi ausgekoppelt und das mit gutem Grund. Ein sehr ausladendes, episches Stück tut sich auf, hier und da mit blackmetallischen Standardphrasen um sich werfend, dann wieder in mittelschnellen, tänzelnden Abläufen herumschwingend, über und über gespickt mit bildschönen Ornamenten von Keyboards und Gitarre. Oder das folgende "The acclamation of bonds", meine Güte, hier ersäuft die Band beinahe in symphonischer Urgewalt, bildet quasi das schwarzmetallische Pendant zu Spätsiebziger ELOY oder dem britischen Pompprogrock der 80er wie PALLAS und IQ. Verdreht und doch nachvollziehbar. EMPEROR schaffen hier große Kunst. Dem gemeinen Blackmetalbubi wird das eventuell schon zuviel gewesen sein, alleine die spacigen Synthieläufe bei "The acclamation of bonds" im verspielten Mittelteil, aber Ihsahn und seine Mannen ziehen kompromisslos ihr Ding durch. Egal ob es pure Gewalt oder intelligent virtuose Zerstörungswut sind. Ich für meinen Teil bin nicht immer in der Stimmung für derlei derbe Kost, aber wenn mir abenteuerlich zumute ist, dann sind EMPEROR meine Wahl.
93 % soll meine Wertung sein, weil der Klang einige Feinheiten einfach zermatscht.

Montag, 14. April 2008

Circle - Forest (Ektro Records, 2005, Finnland)


(CD, 4 Songs, 46.01 min.)
01. Havuportti
02. Luikertelevat lahoavat
03. Ydinaukio
04. Jäljet
Ein krautiges Unterfangen ist es, worauf ich mich mit diesem Album der finnischen Band CIRCLE eingelassen habe. Mein Freund Jussi Lehtisalo von Ektro Records (http://www.ektrorecords.com/) ist einer der beteiligten Musiker und hat mir freundlicherweise ein paar Alben zukommen lassen. Gleich reingegriffen, eine CD aus dem Stapel gezogen, eingeworfen und dann abgeflogen.
CIRCLE beginnen den bunten Spacereigen mit dem fast dreizehnminütigen "Havuportti", der auf einer recht monotonen Grundstruktur aufgebaut ist und den Hörer richtig in sich aufsaugt. Ich höre akustische Percussions, schwebende, surrende Synthesizer, ein paar zurückhaltende Vocals, alles mit bekiffter Hippiestimmung, sehr freimütig gespielt, dennoch gut strukturiert.
Akustische Percussions klimpern auch bei "Luikertelevat lahoavat" hinter der Akustikgitarre herum, die irgendwo zwischen Blues und Folk einen immergleichen Lauf spielt. Kongas bollern darunter einen straight rollenden Beat. Eine sinistere Orgel tritt hinzu, dann mystische, textfreie Choräle und abgeflogener Sprechgesang in sparsamer Dosierung. Auch hier ist wieder Krautpsychedelicfolkalarm gegeben. Wahrlich hypnotisch und ätherisch ist dieses Stück Musik, im weiteren Verlaufe mit noch einem hineinblubbernden und zwitschernden Synthesizer und merkwürdig verhalltem Tosen und Grummeln aufgebauscht in kosmische Bereiche hineingleitend. Vieles hier scheint eher improvisiert denn komponiert zu sein, was mich deutlich an die alten Avant Garde Pioniere aus Deutschland erinnert. FAUST haben hier mit ihrer konsequenten Ablehnung von musikalischen Strukturen die Aufgabe des Paten übernommen, POPOL VUH, TANGERINE DREAM, KLUSTER, DEUTER, das sind weitere Namen, dieses Mal aus der elektronisch - spacigen Ecke, die mir als Einflüsse in den Sinn kommen. Ein wilder Freakout!
"Ydinaukio" ist mit knapp über sechs Minuten Länge der kürzeste Track und beginnt mit düsterer Akustikgitarrenlinie und ebenso morbidem, total zugedrogt wirkendem Acidbluesgesang. Hippiesk kommen die Glöckchen, Rasseln und anderen hier hineingeworfenen Percussiontöne, dann baut sich im Hintergrund auf einmal eine sehr abgefreakte Klangwand auf, bevor Bass, Gitarre und Gesang eine bluesige Struktur erschaffen, auf die nun auch der Gesang passen will, allerdings immer mit sirrenden Synthies überlagert, spacigen Orgelspulen im Rückwärtsgang und sonstigen Verrücktheiten, die eigentlich bereits 1974 abgeschafft worden sein sollten. Ha! Dachtet Ihr Euch so!
CIRCLE ist mit dieser Scheibe ein avant gardistisches Meisterwerk gelungen, welches nicht unwesentlich charismatisch erscheint. So sehr sich Jussi und seine Mannen auch bemühen, der echten Musik ärgster Feind zu sein, es sind Restelemente von Melodien erkennbar, die den roten Faden liefern.
Nun, "Jäljet" haben wir ja noch nicht gehört, da graust es mir schon ganz angenehm vor. Auf den ersten paar Sekunden ist so gut wie gar nichts. Ein maschinelles Dröhnen weit im Hintergrund, immer wieder kurze Geräusche, als würde jemand vergeblich einen Kassettenrekorder dazuschalten wollen, freakig und doch sehr spannend, wenn man sich denn darauf einlassen und ans andere Ende der Musik genannten Klangerzeugung reisen mag, so weit wie nur eben möglich fort von Melodien und Eingängigkeit. Die Sounds vom dazugeschalteten Kassettenrekorder kommen häufiger, werden erkennbarer, es sind aufgenommene Stimmen und dergleichen. Urplötzlich schwingt der Song in eine ganz andere Richtung, wird zu einem recht melodischen Hippiekrautfolkstück mit akustischen Instrumenten und dem schon gewohnten schnodderigen Gesang. Erst läuft diese Spur viel zu langsam, wird schneller und endet dann auf der Originalgeschwindigkeit. Eine entspannte Atmosphäre macht sich breit, die mich an Bands wie NEU oder LA! DÜSSELDORF erinnert, auch an gemässigtere FAUST. Synthies blubbern irgendwo spacig herum, man schwebt durch die Zeit auf dem Rücken von verträumt wirkenden Notensträngen.
Für Freunde typisch krautig - spaciger Klänge abseits aller Mainstreamsounds ein gefundenes Fressen. Ich gebe mal 89 von 100 % als Wertungsmaßstab.

Freitag, 28. März 2008

Reaction - Reaction (Polydor, 1972, BRD)

(1972, Polydor, Deutschland, 40 min.)
01. Mistreated
02. What's going on around
03. Time
04. The mask
05. Funeral march of a marionette
06. My father's son
07. Life is a wheel
08. Keep on trying
09. On the highway
Weiße Maus auf blauem Kaktus, na prosit! Was die Band sich bei diesem Cover gedacht hat, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Nun darf man aber bei solch einem Artwork keine wilde Freakoutkrautrockband erwarten, keinen Progadelic, sondern straighten, mal wuchtig dahinwalzenden, mal treibenden Hardrock, der auch gut aus Großbritannien oder den USA hätte stammen können. REACTION zeigen den Inselaffen ganz locker, wo der Heavyboogiehammer hängt, können locker mit den kräftigsten TASTE Nummern mithalten und klauen beim vierten Song "The mask" sogar sehr dreist bei "Sympathy for the devil" von den ROLLING STONES, nur daß sie aus dem Grundlauf einen fetten Hardrocker machen, der Dir unweigerlich in die Glieder fährt. Die Gitarrenarbeit ist geradlinig, obschon sehr präzise mit leicht gelöstem Feeling. Man traut der Band auch lange Jampassagen zu, die allerdings nur angedeutet werden. Es ist halt ein Powertrio erster Güte, vergleichbar mit den zeitgleich auf den Markt drängenden TIGER B. SMITH oder eben TASTE, MOUNTAIN, GRAND FUNK RAILROAD und SIR LORD BALTIMORE. Abgedreht wird es bei "Funeral march of a marionette", einem Instrumentalrocker mit einprägsamem Leitriff und ebenso entspannter, wie wuchtiger Rhythmusgrundlage, der im Mittelteil mit Percussions und Rückwärtsspuren der Gitarre ins freakige getrieben wird. Ansonsten ist die Musik straight und eingängig, ohne sich groß abzunutzen. Diese Band rockt und donnert mit Leidenschaft, die Musiker halten sich mit eruptiven Momenten nicht zurück, wenn ihnen denn die Chance geboten wird. Die Wucht der Stücke verleiht ihnen eine hypnotische Ausstrahlung. So orthodox blueshardrockig sich die Band auch gibt, das Charisma ihrer Kompositionen ist nicht gering. Irgendwann kannst Du Dich nicht mehr halten und lässt Dich in die Notenströme fallen, die auf Dich einpeitschen, wirst von den Grooves umhergeschleudert und tanzt vollständig benommen, die Grenze zur willenlosen Trance überschreitend ins Nirvana. Man glaubt nicht, daß eine deutsche Heavyrockband solch einen Soundstrudel erzeugen kann, aber das tut sie. Als gleichberechtig neben allen großen Kultbands des internationalen Heavyrock ist dieses Album anzusehen. BUDGIE, BUFFALO, Gallagher, FREE (obschon deutlich heavier), das ist das Kaliber von REACTION, stilistisch wie qualitativ. 70s Hardrocker sollten bei Sichtung der Scheibe sofort zuschlagen, eine CD Wiederveröffentlichung existiert und macht den Erwerb etwas günstiger, die Original LP geht schon in den dreistelligen Bereich.

Abacus - Abacus (Polydor, 1971, BRD)


(LP / CD, 7 Songs, 39.24 min.)
01. Pipe dream revisited Part 1 & 2
02. Capuccino
03. Don't beat so on the horses
04. Song for Brunhilde
05. Song for John & Yoko
06. Radbod blues
07. Chestholder
Deutscher Progressiverock war 1971 nichts ungewöhnliches mehr, ich denke an die Hamburger IKARUS oder an die Süddeutschen ANDROMEDA (schon von 1970), ABACUS reihten sich da nahtlos ein. Natürlich orientierte sich die Mannschaft an der Musik, die aus England rüberschwappte, war im eigentlichen Sinne also nur geographisch dem Krautrock zuzuordnen, nicht aber stilistisch. Nun, das bedeutete aber auch, daß ABACUS verdammt exakt aufzuspielen wußten, daß sie wild und ungestüm und doch kontrolliert ihre verspielten Songs aus den Boxen bliesen. Orgel, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang, zuweilen statt der Orgel ein Piano, keine Synthesizer, eine Besetzungsliste, die trotzdem viel versprach und durchweg auch alles einhielt. Der erste Song, die "Pipe dream revisited" Suite mit über neun Minuten Länge, baut sich langsam auf, marschiert von jazzig angehauchten Pianokaskaden über typische, zum Teil aggressivere und düstere Orgelprogpassagen hin zu folkigen Gesangslinien über zurückhaltenderer Instrumentierung. Eindringlich, einprägsam, sehr interessant aufgebaut. "Cappuccino" ist nicht nur mein Lieblingsheißgetränk, sondern auch ein sehr wuchtiger Orgelrocksong typisch britischer Prägung. Ich höre ELP, THE NICE, eventuell auch CARAVAN, aber vorrangig die großen Progdinosaurier. ABACUS verpacken diese offensichtlichen Einflüsse jedoch geschickt, klauen nicht direkt, sondern zeigen sich als gelehrige Schüler der Briten, die kaum älter als ABACUS sein dürften. "Don't beat so on the horses" ist etwas gesetzterer Progressiverock mit treibenden Orgeln, verspielten, aber nicht zu deftigen Gitarren und poppigerer Melodie, der aber eine gedämpftere, nachdenkliche Stimmung entströmt. Schön gemacht, hat was von den KINKS der späten 60er auf Orgelprog. Puuh, Vergleiche, Vergleiche, naja, wer es denn braucht. Ein schöner Song auf alle Fälle. Akustische Gitarren und Sitarklänge, dazu verträumt - verliebter Gesang, das ist "Song for Brunhilde", ein wenig ins Gesamtbild passendes, aber deswegen umso genialeres Stück. Georgelt wird auch, obschon die Saiteninstrumente die Oberhand im psychedelischen Spiel behalten. Als hätte man sich rasch vier Jahre in der Zeit zurückbewegt und würde den Hippielebensstil hochleben lassen. "Song for John & Yoko" scheint eine Huldigung an den kreativen Kopf der EATLES und seine zweite Ehefrau zu sein. Musikalisch ist es zunächst eher zurückhaltender Prog mit heller, freundlicher Melodieführung, die auch einen leicht folkloristischen Ausdruck innehält, bis dann ein flotter Galoppelbeat einsetzt und einen straighten, angefolkten Rocksong auf den Weg schickt, dessen Text mir eher als kritische Auseinandersetzung mit dem BEATLES Chef vorkommt. Die Nummer ist so beschwingt und auf natürliche Weise fröhlich, daß man automatisch mitgerissen wird. Mit anderen lyrischen Ergüssen hätte das hier glatt eine geniale Schlachthymne nordirischer Protestrocker sein können. Die Gesangsmelodie ist hier das Rückgrat, die Instrumentierung nur solide Basis dafür. "Radbod blues" rockt dann hiernach etwas härter und wuchtiger drauflos, groovt unwiderstehlich, während die Gitarre mit Wahwaheffekten nicht spart. Der Gesang ist ebenfalls verfremdet. Zwischen dem groovenden Hardrock kommen schräge, komplett irrwitzige Frickelparts, die aber bei genauem Hinhören schon eine klare Struktur besitzen. Dann darf der Schlagzeuger zum Solo aufmucken und poltert frohen Mutes drauflos. Langweilig wird es nicht, da der gute Mann mit einem gewissen Maß an Besessenheit loslegt. Freakiger Prog / Jazzrock wird aufgefahren. Getrieben vom elektrischen Piano, verwinkelt, verdreht, frickelig und doch hochenergetisch und packend arrangiert. Sogleich geht die Band wieder zum wilden Hardrock zurück und treibt den Song seinem Ende zu, an dem ein Lachsack seine unverkennbare Stimme erklingen lässt. "Chestholder" ist zu Beginn sehr leichtfüssig, hat eine eher mediterrane Atmosphäre von Gelassenheit. Die akustischen Gitarren bleiben auch, nachdem Orgel, Bass und Schlagzeug einsetzen und ein wenig mehr Kraft in die Komposition bringen. Kurzzeitig baut das Schlagzeug etwas schrägere Beatkombinationen ein, ansonsten ist die Musik entspannt. Ein wieder folkigerer Part mit südländischem Temperament und schrägen Geräuschen belegt folgt, hat eine sehr schwungvolle Art, die den Hörer unweigerlich mit sich zieht. Die Beats wirbeln ebenso wie die akustischen Gitarren, werden wilder, intensiver und ebenso wird der ganze Song immer irrsinniger. Welch ein gewagtes Ende für diese Scheibe. Für freunde britisch klingender Progrockmucke aus Deutschland eine lohnende Investition.

Donnerstag, 27. März 2008

Campo Di Marte - same (Italien, 1973, Mellow Records)


(CD / LP, 7 Songs, 40.43 min)
01. Primo Tempo
02. Secondo Tempo
03. Terzo Tempo
04. Quarto Tempo
05. Quinto Tempo
06. Sesto Tempo
07. Settimo Tempo
1973 war ein großes Jahr für den progressiven Rock und die Italiener wollten dahingehend nicht hintenanstehen. Ein Stiefelklassiker des Jahres ist sicherlich das Debüt und leider einzige Studioalbum von CAMPO DI MARTE aus Florenz. Ein ambitioniertes Werk abseits der üblichen Popmusikschemata. Es werden rockige mit folkigen oder klassisch inspirierten Passagen vereint, romantische Augenblicke von innigster Schönheit explodieren in sehr emotionsgeladenem Hardrock. Eine majestätische Ausstrahlung ist dem Album zu jeder Sekunde zu eigen. Es sind sieben Stücke vertreten, die keine wirklichen Titel besitzen, sondern in sieben Akte untergliedert sind, obschon jeder für sich als eigener Song stehen könnte. Sehr intensiv gehen die Musiker bei den härteren Passagen zuwerke, gerade im vierten Akt, wo eine bombastische Orgeleinleitung im Stile Bachscher Fugen in rasantem Tempo über den Hörer hineinbricht, bevor ein etwas ruhigeres Zwischenspiel zu einem mysteriös anmutenden Hardrocklauf führt, der in einer kurzen akustischen Sequenz im Folkstil mündet. Man ist ganz hin und weg, hat einen doch schon der von härterer Rockmusik dominierte dritte Akt mit seinen sehr packenden Gesangslinien und der besessenen Gitarrenbearbeitung in helle Aufruhr versetzt. Nach dem vierten kommt ja immer der fünfte Akt und der wird von Schönklang und heller, fröhlicher Frühlingsstimmung, durch Querflöte, mehrstimmigen wortlosen Gesang, akustische Gitarrenläufe und betörend schönen Orgelsounds dominiert. Er entfesselt sozusagen eine pastorale Stimmung und schafft Bilder von bezaubernden Landschaften, in denen froh und erfüllt von Liebe die Menschen dahintanzen. Die Querflöte ist ein deutlicher Beweis für den Einfluss britischen Progrocks aus der Ecke Canterbury, der nicht nur die gemeinsamen Wurzeln in der schönen Stadt, sondern auch einen bei fast allen Bands jener Gegend erkennbaren gemeinsamen musikalischen Grundstein offenbart. CAMPO DI MARTE zaubern sich hier direkt in die Nachbarschaft von CARAVAN und ihren verträumteren Momenten, stilistisch und qualitativ. Doch, oh weh, schon wird man aus den bunten Blütenträumen gerissen, denn es folgt der sechste Akt, mit mystischen Mellotronmelodien, einer hypnotischen Rhythmustruppe, rockenden, zuweilen verdrehten Gitarrenläufen. Dann ein Bruch, folkloristische Melodien von der Gitarre, dann von Flöte und Jagdhorn, dann zusammen im Beatsound. Wieder ein Schlenker zurück zu den die Sinne vernebelnden, düsteren Abschnitten und ganz urtypisch proggy hin zu einer schrägeren Überleitung. Diese bewegt das Stück in ruhigere Gewässer hinein, wo akustische Gitarre, balladesker Gesang und Flöte eine romantische Atmosphäre aufbauen wollen, dabei jedoch rüde von dem immer wiederkehrenden Mystikrock unterbrochen werden. Das mag einem sicher ob dieser raschen Wechsel zwischen den Stilen nicht immer so recht die Möglichkeit geben, mit allen Sinnen an der Musik zu kleben, aber man fängt sich wieder und ist sogleich zurück am Ort des Geschehens. Akt Sieben, ein straight marschierender, stampfender Beatrhythmus, darüber eine unverzerrte E Gitarre und eine folkige Harmonie, erschaffen von Holzbläsern. Es folgen ruhig dahinfließende Momente frei von aller Hektik, in denen es sich vortrefflich untertauchen lässt. Dezent wird im Hintergrund georgelt, eine entspannte Jazzrockatmosphäre baut sich auf, was wieder ein Wink mit dem Leuchtturm gen Canterbury darstellt. So gestärkt kann es in die nächste Runde harten, verwinkelten Progrocks gehen. Und da kommt sie auch schon. Man muß natürlich kein Experte sein, um CAMPO DI MARTE als Ansammlung hervorragender und wirklich hingebungsvoller Musiker zu erkennen, die ihre Instrumente in den frickeligen Augenblicken fast willenlos voranpeitschen. Das nenne ich wahre Besessenheit, denn Leidenschaft allein ist nicht ansatzweise so wild und ungestüm, so intensiv und lustvoll. Der Frickelaspekt gerade im siebten Akt ist recht hoch, aber die romantischen Momente halten ihn auch für Freunde gemässigteren 70er Rocks erträglich. Wer nun also auf italienischen Gesang kann und Liebhaber britischer Progrockbands ist, der darf, nein, der muß hier sämtliche Ohren riskieren, die ihm zu eigen sind. Die Scheibe ist erstklassig! 90/100

Sonntag, 2. März 2008

Ice - Saga of the Ice King (Storm Records, 1979)


(CD / LP, 9 Songs, ca. 31.36min.)
Tracklist:
01. Early days
02. The Ice King
03. Asgard
04. The bridge
05. The feast
06. Dawn of the battle
07. Aftermath
08. Journey into exile
09. Reprise
1979 und England, wer denkt da bei Rockmusik nicht an die NWOBHM oder britischen Punkrock, aber weit gefehlt. ICE waren eine klassische, mit psychedelischen und progressiv - epischen Motiven hantierende Band aus den Midlands, deren Leader Mick Rutherford (nicht mit dem Genesis Mitglied identisch) u.a. bei Alexis Korner in der Bluesband gespielt hat. Nun, was bot uns diese Truppe? Der Opener "Early days" hat einen lockeren, fast schon folkigen Charakter, obgleich er rockig instrumentiert ist und dementsprechend gespielt wird. Schön, nicht übertrieben wirr und freakig. Das Quasititelstück schließt sich an. Ein sanft dahintreibender, melancholischer Song mit coolen Leadgitarren und betörendem Mellotronteppich, der durchaus einer gewissen Grundintensität nicht entbehrt. Der Gesang könnte durchaus aus der NWOBHM stammen, mittelhoch, emotionsgeladen, natürlich. Episch wird es mit "Asgard", welcher von treibendem Rock bishin zu schwebend folkigem Sound eine große Spannweite zeigt. Es sind musikalische Elemente zu hören, die man eigentlich zehn, elf Jahre vor dieser Scheibe gerne auf seine Platten genommen hat. Nicht übertrieben psychedelisch, aber entspannt, gefühlvoll, auch nicht unmelancholisch. Dieser Song ist einprägsam, auch wenn er nicht innovativ erscheint für die Zeit seiner Veröffentlichung, er ist packend und leidenschaftlich, gerade wenn die Band an Power zulegt. WISHBONE ASH werden oft als Vergleich herangezogen, dem möchte ich stattgeben, denn eine ähnliche hymnenhaft ausgerichtete Epik legten auch ICE an den Tag. "The bridge" wird von einem Jagdhorn eingeleitet, welches einen kurzen Lauf spielt. Mit akustischer Gitarre wird dann eine sanfte, verträumte Melodie gesponnen, die so urbritisch nach viktorianischer Musik klingt. Diese Momente erinnern mich an AMAZING BLONDEL und ähnliche progressive Folkbands. Bezaubernd, zu Tränen anrührend ob seiner Schönheit, eine fast schon unwirkliche entspannte Gelassenheit verströmend. Auf akustischer Gitarre basiert auch das Stück "The feast" mit sehr mystischem Ausdruck. Insgesamt fällt auf, daß der Klang sehr dumpf ist, ob das an den Umständen der Aufnahme liegt oder an der mir vorliegenden Kopie, ich kann es nicht beschwören, tippe aber schon auf das Studio. "Dawn of the battle" an Platz 6 beginnt wieder mit einem Jagdhornsound, ein langsamer, zutiefst melancholischer Song mit gelegentlich verzerrten Gitarren entwickelt sich daraus, schwebt in sich versunken dahin, greift irgendwann einen Marschrhythmus auf, an dem einzig die Snaredrum beteiligt ist, während alle anderen Instrumente schweigen. Hiernach gibt es eine Hardrockeruption mit treibenden Strophen und einem donnernden, aber unbesungenen Refrain mit unterlegtem Bolerorhythmus. Das hat schon was von den epischeren NWOBHM Bands. Die Heavygitarren brodeln regelrecht, die Soli sind entfesselt, obschon alles sehr entspannt abläuft. Toll! "Aftermath" ist eine experimentelle Überleitung mit durch Hall und Echoeffekte verfremdetem Drumming, welches an die kosmische Musik aus Deutschland um 1970 herum erinnert, KLUSTER, TANGERINE DREAM, ERUPTION oder ORGANISATION / KRAFTWERK. Strange und etwas kurz, aber auch stilistisch nicht die Grundhaltung der Band. Die legt mit "Journey into exile" einen fast fröhlichen, entspannten Hardrock vor, der selbst für Glamverhältnisse nicht fetzig genug wäre, aber doch eine sehr positive Ausstrahlung besitzt. Ein schönes, unspektakuläres Stück. Als Abschluß wird "Reprise" geboten, zuweilen hardrockig, zuweilen verspielt, immer instrumental. Mein Fazit ist, daß sich dieses Album für offenherzige Freunde des 70er Rocks im Umfeld progressiver und harter Klänge durchaus lohnt, weil es eine eigensinnige Aura offenbart und die Songs auf gewisse Weise einprägsam sind. In den 90ern gab es auf dem KISSING SPELL Label eine Wiederauflage auf LP und CD, die inzwischen ausverkauft sein sollte. Vielleicht erbarmt sich ja noch ein Label dieses versunkenen Schatzes. Ein großer Klassiker ist es nicht, aber eine angenehme und nicht unoriginelle Scheibe Ende der 70er. 87/100

Steel Raiser - Race of steel (Pure Steel Records 2008)

(2008, Italien, Pure Steel Records, 39.51 Minuten
01. Ride the fire
02. Race of steel
03. Dragon battalion
04. Rising into the night
05. Princess of Babylon
06. Roar of revenge
07. Gloria perpetua
08. The night
09. Gears of war
10. Evil's revenge

Mit einer heulenden Luftschutzsirene startet das Debütalbum der italienischen Headbanger STEEL RAISER in die erste Runde. Rasanter Heavy Metal mit schön aggressiver Gitarrenarbeit und kratzig - charmanten Vocals wird geboten. Urbritische Elemente möchte man sagen. Der Refrain ist dann etwas eigenwillig, fast schon zu fröhlich gehalten, wobei die infernalische Wucht der wilden Soli und boshaften Riffs überwiegt. Ich kann nicht sagen, an wen mich der Chorus speziell erinnern will, aber es ist irgendeine deutsche Band. Nichts dagegen zu sagen natürlich. Schöner, flotter Opener! Auch der zweite Song ist ein sehr kräftiges Stück Metal, der Gesang eine schrille Mischung aus Udo Dirkschneider und Peavey Wagner von RAGE, die Melodien könnten ebenfalls von der Stahlschmiede aus Herne stammen, während das instrumentale Grundgerüst nach wie vor den Biss einer britischen Kampfbulldogge besitzt. Was zuerst eventuell ein wenig aneckt, entpuppt sich als angenehm orthodoxer und doch frisch und wütend klingender 80er Sound mit zwar wohlvertraut wirkenden Zutaten, die sich aber nicht ausgelutscht anhören. Und nun wird wieder ein wenig die Geschwindigkeit gedrosselt, dafür sägen und donnern die Gitarren wundervoll harte Riffs aus den Boxen und die Gesangsmelodie ist gewaltig. Ich höre dezenten Keyboardbombast, welcher den Song aber majestätischer tönen lässt und ihn nicht verwässert. ACCEPT hatten auf "Metal heart" ähnliche, für meine Ohren passende Stilistika angewendet. Der Shouter dieser Band war früher einmal mitglied bei NOBLE SAVAGE, die vor einiger Zeit ein beachtliches, sehr heroisches Debütalbum veröffentlichten. STEEL RAISER stehen der Ex Band ihres Chefs nicht nach. Der Mix aus Briten - und Teutonenmetal passt hervorragend und sollte einigen alteingesessenen Deutschmetalkapellen den Weg zur Hintertür der Metalszene weisen, wo die Rockerrente auf sie wartet. Gerade die Sologitarre fetzt, jault, blitzt und explodiert, als würde sie von einem Besessenen bearbeitet. Nun, wer sich so innovationsfreier Musik verschrieben hat, benötigt ein gewisses Maß an Wahnsinn, um den Sound auch prachtvoll und mitreißend zu gestalten. STEEL RAISER machen das auf ihre Art. Nach wenigen Hördurchläufen bleiben die Songs kleben und bekommen langsam ihr Gesicht. Natürlich sind sie stilistisch ein tausendfach vorher herunterexerziertes Geschehen, aber mit dem nötigen Charisma versehen, können auch solche Stücke noch sehr unterhaltsam sein. Eine erste Kulthymne ist das stampfende, dunkle "Princess of Babylon". Hier hört man natürlich den im Grunde schrecklichen Akzent des Sängers, aber das ist gleich, der Song wird mit großer Leidenschaft zelebriert. 80er Heavymetal und ein paar für die damalige Zeit kommerziellere Hardrockelemente, fast möchte ich an DIO oder RAINBOW denken (wohl wegen "Babylon"), geben dem Stück seine Schmissigkeit. Und mal ehrlich, dieser Gesang ist wirklich zu dreckig und rauh für eine Radiochartshow, auch in den späten 80ern. Schöne Leadgitarrenharmonien und mit ihnen einhergehende Keyboards runden den Song ab. Man kann sich als alter Metalrecke also wieder richtig schön in guter Musik suhlen, ohne befürchten zu müssen, hier mit unschönen Modernisierungen konfrontiert zu werden. Genau wie in der Industrie Modernisierungen Arbeitsplätze kosten, kosten sie im Metal Magie und Kultfeeling, machen Heavy Metal also unbrauchbar. Das schreit nach Rache! Und so heißt auch der aggressive Song, der Babylons Prinzessin auf dem Fuße folgt. "Roar of revenge". Schräge, aber packend zornige Strophen und ein hymnischer Refrain, der fast schon zu eingängig ist, bilden die Grundpfeiler dieses Stückes. Nun kommt noch die Vorliebe der Band für amerikanischen Powermetal hinzu. Wobei, der Refrain rockt komplett. Ich muß an osteuropäischen Metal denken und das ist ein gutes Gefühl, möchte ich sagen. Killersoli gibbet hier natürlich auch gleich am Stück. Dieses Album ist in der Tat faszinierend. Beim ersten Durchlauf hat es gefallen, dann kamen ein paar Testgänge, wo sich gravierende Schwächen auftun wollten, danach erfolgte eine magische Explosion in meiner Seele und nun steh ich drauf. Sicher, ein übergroßer Klassiker ist das hier nicht. Ich vergleiche es mit der "Kingdom of the kings" LP der griechischen Metalheads CRUSH von 1993. Komplett orthodox, eigenwillig, von meterdicken Scheuklappen den potentiellen Einflüssen von außen entzogen, aber geil. Mit "Gloria perpetua" haben sie dann eine absolute Bombasthymne geschaffen, die VIRGIN STEELE erblassen lassen sollte. Ein Refrain so aggressiv und gigantisch, daß es den Banger mit Matte auf Dauerrotation glatt aus den Latschen fegt. Die Keyboards sind gerade richtig dosiert, während Riffs und Leads eine majestätische Melodienlandschaft kreieren. Dieses Stück malt in der Tat Bilder von gewaltigen Schlachten in der italienischen Hochebene. Das hat durchaus Titt! Der südländische Hang zum Pomp wird hiernach durchaus noch deutlicher, die Songs an sich behalten trotzdem eine angenehme Bodenhaftung. Wie gesagt, ein Klassiker ist es nicht, aber eine frische, unterhaltsame Heavy Metal Scheibe, die man haben kann. Ich würde dieses Album gegenüber den meisten aktuellen Produktionen bevorzugen, weil es gerade kompositorisch das nötige Charisma besitzt und die Musiker mit Hingabe und Leidenschaft bei der Sache sind.



84/100

Sonntag, 24. Februar 2008

Lange nichts mehr gepostet.

Tja, Freunde, nun habe ich hier seit Juli nichts mehr gepostet, aber ich fange wieder damit an. Ganz wie mein Freund Ray Dorsey (www.raysrealm.blogspot.com) werde auch ich meinen Blog als eine Art Webzine nutzen. Die Reviews und Interviews werden in DEUTSCH sein, der Einfachheit halber. Ich werde hier geile neue Scheiben und meine persönlichen Lieblinge aus längst vergangenen Tagen mit Reviews featuren. Viel Spaß beim Lesen wünsche ich

Sir Lord Doom, Februar 2008