Donnerstag, 24. April 2008

Paolo Rustichelli / Carlo Bordini - Opera Prima (1973, Italien, BMG Ricordi)


(LP/CD, 6 Songs, 40.20)
01. Nativita
02. Icaro
03. Dolce sorella
04. Un cane
05. E svegliasi in un como
06. Cammellandia
Hier gibt es keinen Bass zu hören, keine Gitarre, nur Schlagzeug, ein ganzes Arsenal an Tasteninstrumenten und sehr ruppigen Gesang, der in seiner ebenso kaputten wie charismatischen Art kaum zum symphonischen Progrock der beiden Italiener passen will. Das Album fesselt und fasziniert mit seiner Vielfalt an Klavier -, Synthesizer -, Orgel - und Mellotronläufen, die oft in mehreren Schichten übereinandergestaffelt einen sehr dichten Klangteppich ergeben. Mal baut sich eine gewaltige Woge verdrehter Melodien auf, die mit dem britischen Progrock a la ELP verwandt, in ihrer konsequenten Ausrichtung gen Tasteninstrumente aber wesentlich kompromissloser wirken. Carlo Bordini ist ein erstklassiger Drummer, der genau weiß, wie er die einzelnen Abfolgen zu akzentuieren, sogar wann er die Stöcke stillzuhalten hat. Bei den oft geheimnisvoll klingenden Spaceparts wirbelt er einem rasenden Dervish gleich über Becken und Toms, zeigt seine Besessenheit von dieser Musik, die Elemente von Klassik und Jazz, aber auch von traditioneller Musik in einem Rockzusammenhang verbindet und gerne auch sanfter, gefühlvoller angelegt sein kann. Es gibt wunderschön fragile Stellen von pastoraler Schönheit, dann auch kalte Düsternis, in der die Keyboards wie fleischgewordene Maschinen agieren. Immer wieder greift Mastermind Paolo Rustichelli auch ganz selbstbewußt zum Mikro und krächzt sich einen zurecht, was einem schon den Spaß an dieser Musik etwas vergällen kann, wenn man sich nicht auf seine ruppige Gesangsweise einzulassen vermag. Mir gelingt dies ganz gut und ich finde, daß er den zuweilen vorherrschenden Schönklang während der Gesangspassagen eindrucksvoll kontrapunktiert. Wie gesagt, ELP in kompromisslos, das gilt auch für die Vocals. Ein Schmusekater wie Greg Lake hätte hier gnadenlos verloren. Durch die Vielschichtigkeit der Arrangements wird man viele Details nicht gleich beim ersten Hören erkennen, man muß sich regelrecht in diesen Klangstrom hineinfühlen, langsam vortasten, die Scheibe mit intensiver Aufmerksamkeit bedenken, bevor sie ihre vollkommene Pracht entfaltet. Progliebhaber sollten nicht zögern, denn hier gibt es Symphonicprogrock ohne die typisch italienischen romantischen Elemente. Wertung 85 %

Nuova Idea - In the beginning (1971, Italien, ARISTON)


(LP/CD, 5 Songs, 36.01)
01. Come come come (vieni vieni vieni)
02. Realtà
03. La mia dcelta
04. Non dire niente (ho già capito)
05. Dela amore
Dieses Album stammt noch aus der Frühphase des italienischen Progrocks, dementsprechend stark orientiert sich die Band an englischen Vorbildern wie URIAH HEEP, BEGGAR'S OPERA, ARZACHEL oder den MOODY BLUES, immer mit einer hardrockigeren Kante versehen. Der Opener ist eine zwanzigminütige Suite, die mit klassisch inspiriertem Orgelprog beginnt, dann jedoch rasch in relativ entspannten, fröhlich klingenden Powerpop mit Fuzzgitarren umschlägt und hier eine Weile verbleibt, bis eine ruhige, lyrische Passage ein neues Kapitel einleitet. Weiter geht es mit romantischem, melodischem Bombastpoprock, bei dem die verzerrte Gitarre jedoch ordentlich brodelt und die Chorgesänge den Hörer in Frühlingsstimmung versetzen. Urplötzlich schlägt der Song um, zuerst kommt ein ellenlanger Solopart des Schlagzeugs, dann ein paar jazzige Läufe, schließlich geht es zurück in wilden, sehr fetzig gespielten Klassikrock mit Orgel und einer Leadgitarre, wie sie u.a. der gute Jimi Page zu LED ZEPPELIN Debützeiten gerne gezupft hat. Fett! Gerade die Mischung aus spannendem Protoprog, gerade beim monumentalen Ende des Stückes spürbar, und poppigerem, dennoch hartem Rock mit einigen balladesken Anklängen bringt die Seele in Wallung. Abhilfe schafft da eine bittersüße, pathosbeladene und doch wenig kitschige Ballade, die an zweiter Stelle des Albums steht und sich rasch als einleitender Satz eines treibend harten Rocksongs mit geheimnisvoller Gesangsmelodie und tollen Flöteneinlagen entpuppen will. Aber nein, auch hier wurden wir getäuscht, denn da ist wieder der liebenswerte Schmalz italienischer Balladenkunst. Es scheint sich um eine ruhige Strophe und einen wilden Refrain zu handeln, denn gleich nach dem Schönklang folgen wieder pumpender, dampfender Hardrock mit Flötenbegleitung und ein furioses Gitarrensolo, dann ein wildes Crescendo aller Instrumente zum Schluß. Reine Progfanatiker mögen hier eventuell noch nicht so begeistert sein, weil die Scheibe doch relativ straight und groovend rockt, aber wer den Tellerrand überblicken und gute Musik für sich entdecken mag, der liegt richtig. Mich erinnern NUOVA IDEA erstaunlicher Weise an die frühen Alben der ungarischen Kultband OMEGA, die eine ähnliche Kompositionsweise an den Tag legten. Powergitarren, romantische Melodien, röhrende Orgeln und eindringlicher Gesang. Die Italiener sind übrigens keinen Deut schwächer als sämtliche Kollegen zwischen Stockholm, Berlin, London, Brüssel und Den Haag. Und selbst die Balladen stehen ihnen zu Gesicht. Man kann durchaus gefühlvolle Songs mit Kuschelfaktor ohne zuviel Kitsch inszenieren, aber natürlich ist bei jedem Hörer die Schmalzgrenze anders hoch gelegt, es kann also sein, daß ich da relativ schmerzbefreit rangehe. Aber mir gefallen diese sanften, sich während ihres Ablaufes jedoch immer wieder steigernden Kompositionen. NUOVA IDEA haben eine sehr charismatische Art, den musikalischen Standardphrasen ihrer Zeit noch einiges an Eigenständigkeit abzuringen, daher ist dieses Machwerk zwar rasch kategorisiert, wird aber durch seine Frische und Leidenschaft den Hörer über lange Zeit wieder und wieder fesseln. Wertung 85 %

Dienstag, 15. April 2008

Emperor - Anthems of the welkin at dust (Candlelight, 1997, Norwegen)


(LP, 8 Songs, 43.58 min.)
01. Alsvartr (The oath)
02. Ye entrancemperium
03. Thus spake the nightspirit
04. Ensorcelled by khaos
05. The loss and curse of reverence
06. The acclamation of bonds
07. With strength I burn
08. The wanderer
Ein geheimnisvoller unverzerrter Gitarrenlauf mit dunkler, leicht folkiger Atmosphäre eröffnet das Zweitwerk der norwegischen Kultblackmetaller EMPEROR, die sich hiermit von allem tumben Getrümmere entgültig verabschieden und progressiven Klängen zuwenden. "Alsvartr (The oath)" wurde von Onkel Euronymous komponiert, dem früh dahingemetzelten Mastermind der großen MAYHEM (aber erst ab dem "De mysteriis dom sathanas" Album, die "Deathcrush" war, mit Verlaub, völliger Spritzwurf). Langsam baut sich dieser Song auf, wird dunkler, morbider, monumentaler und mystischer, entwickelt sich zum Ende hin zu einem hymnischen Schlachtengesang, bevor es rasend schnell und furios zum Blackmetalgeschehen übergeht. "Ye entranceemperium" tost und knallt wie tollwütig, zeigt aber gleichzeitig eine Band, die Kontrolle über das Chaos hat. Die Riffs sind oft nicht unbedingt wirklich harmonisch, aber genau diese Schrägheit macht ihren Reiz aus. Die Komposition an sich ist geradlinig, sehr pompös und gewaltig. Es kommt zu melodischeren Einschüben, die Progrockeinflüsse erkennen lassen und das inmitten eines urgewaltigen Metalgewitters. EMPEROR klingen hier fast schon wie ein gewaltiges Orchester. Die Keyboards halten eine wichtige Rolle auf diesem Album inne, obschon sie das Material nicht verwässern, sondern umso intensiver werden lassen. Mich hat es elf Jahre gekostet, in diese Melange aus Krawall und Kreativität hineinzutauchen und mich von ihr fortspülen zu lassen, nun ist es soweit. Oh wie wundervoll ist das Entdecken, wenn die Band rasend vor Wut krankhaftes Riffing entfesselt, dazu in einem Höllentempo die Rhythmen hinausdonnert und immer wieder in hymnische Gefilde abdriftet, mal bei den ganz extremen Passagen, mal in gemässigteren Momenten. "Ensorcelled by khaos" ist solch ein Stück, das vor Kreativität übersprüht. Raserei, Hass, dann ein Moment des reinen Klassikbombasts und danach ein rauher, kratziger und doch mit ergreifenden Melodien bestückter theatralischer Abgang, kurz bevor eine Brücke nur mit epischen Riffs und kratzig grollendem Gesang darüber wieder gen Krawall deutet. Falsch, sie führt Euch in die Irre, denn wieder kommt diese schöne theatralische Passage mit grandiosem Chorgesang. Dieses Element haben EMPEROR auf "Anthems of the welkin at dust" stärker als zuvor ausgebaut, was der Musik nur zuträglich ist. Krawall bricht wieder über den Hörer herein, aber das Riffing ist sehr eindringlich, das Tempo wird gewechselt, die Passagen stehen und fallen in kurzen Abständen, ohne den Song aber zu chaotisch wirken zu lassen. Das einzige Problem, neben der extremen Ausrichtung natürlich, für Progfreunde, dürfte bei diesem Album der klirrende Sound sein, der die Musik verzerrt darstellt. In den eruptiven Passagen kommt das natürlich hervorragend, bei den schwelgerischen Momenten muß man sich erst an die spröde Art des Klangbildes gewöhnen. Aber das klappt rasch. Auch die B Seite meiner alten LP macht keinen anderen Eindruck als die A Seite. Hier gibt es Songs zu entdecken, die sich zwar aus einigen geraderen Abschnitten zusammensetzen, durch das rasche Wechseln aber den Hörer zur Aufmerksamkeit zwingen. Die vielen filigranen Feinheiten hier sind natürlich durch den räudigen Blackmetalklang nicht sofort zu entdecken, aber genau das ist der Vorteil des Albums. Du willst es hören, willst tiefer und tiefer in diese geheimnisvolle Soundwelt eindringen und ihrer Schätze gewahr werden. "The loss and curse of reverence" wurde ja als Maxi ausgekoppelt und das mit gutem Grund. Ein sehr ausladendes, episches Stück tut sich auf, hier und da mit blackmetallischen Standardphrasen um sich werfend, dann wieder in mittelschnellen, tänzelnden Abläufen herumschwingend, über und über gespickt mit bildschönen Ornamenten von Keyboards und Gitarre. Oder das folgende "The acclamation of bonds", meine Güte, hier ersäuft die Band beinahe in symphonischer Urgewalt, bildet quasi das schwarzmetallische Pendant zu Spätsiebziger ELOY oder dem britischen Pompprogrock der 80er wie PALLAS und IQ. Verdreht und doch nachvollziehbar. EMPEROR schaffen hier große Kunst. Dem gemeinen Blackmetalbubi wird das eventuell schon zuviel gewesen sein, alleine die spacigen Synthieläufe bei "The acclamation of bonds" im verspielten Mittelteil, aber Ihsahn und seine Mannen ziehen kompromisslos ihr Ding durch. Egal ob es pure Gewalt oder intelligent virtuose Zerstörungswut sind. Ich für meinen Teil bin nicht immer in der Stimmung für derlei derbe Kost, aber wenn mir abenteuerlich zumute ist, dann sind EMPEROR meine Wahl.
93 % soll meine Wertung sein, weil der Klang einige Feinheiten einfach zermatscht.

Montag, 14. April 2008

Circle - Forest (Ektro Records, 2005, Finnland)


(CD, 4 Songs, 46.01 min.)
01. Havuportti
02. Luikertelevat lahoavat
03. Ydinaukio
04. Jäljet
Ein krautiges Unterfangen ist es, worauf ich mich mit diesem Album der finnischen Band CIRCLE eingelassen habe. Mein Freund Jussi Lehtisalo von Ektro Records (http://www.ektrorecords.com/) ist einer der beteiligten Musiker und hat mir freundlicherweise ein paar Alben zukommen lassen. Gleich reingegriffen, eine CD aus dem Stapel gezogen, eingeworfen und dann abgeflogen.
CIRCLE beginnen den bunten Spacereigen mit dem fast dreizehnminütigen "Havuportti", der auf einer recht monotonen Grundstruktur aufgebaut ist und den Hörer richtig in sich aufsaugt. Ich höre akustische Percussions, schwebende, surrende Synthesizer, ein paar zurückhaltende Vocals, alles mit bekiffter Hippiestimmung, sehr freimütig gespielt, dennoch gut strukturiert.
Akustische Percussions klimpern auch bei "Luikertelevat lahoavat" hinter der Akustikgitarre herum, die irgendwo zwischen Blues und Folk einen immergleichen Lauf spielt. Kongas bollern darunter einen straight rollenden Beat. Eine sinistere Orgel tritt hinzu, dann mystische, textfreie Choräle und abgeflogener Sprechgesang in sparsamer Dosierung. Auch hier ist wieder Krautpsychedelicfolkalarm gegeben. Wahrlich hypnotisch und ätherisch ist dieses Stück Musik, im weiteren Verlaufe mit noch einem hineinblubbernden und zwitschernden Synthesizer und merkwürdig verhalltem Tosen und Grummeln aufgebauscht in kosmische Bereiche hineingleitend. Vieles hier scheint eher improvisiert denn komponiert zu sein, was mich deutlich an die alten Avant Garde Pioniere aus Deutschland erinnert. FAUST haben hier mit ihrer konsequenten Ablehnung von musikalischen Strukturen die Aufgabe des Paten übernommen, POPOL VUH, TANGERINE DREAM, KLUSTER, DEUTER, das sind weitere Namen, dieses Mal aus der elektronisch - spacigen Ecke, die mir als Einflüsse in den Sinn kommen. Ein wilder Freakout!
"Ydinaukio" ist mit knapp über sechs Minuten Länge der kürzeste Track und beginnt mit düsterer Akustikgitarrenlinie und ebenso morbidem, total zugedrogt wirkendem Acidbluesgesang. Hippiesk kommen die Glöckchen, Rasseln und anderen hier hineingeworfenen Percussiontöne, dann baut sich im Hintergrund auf einmal eine sehr abgefreakte Klangwand auf, bevor Bass, Gitarre und Gesang eine bluesige Struktur erschaffen, auf die nun auch der Gesang passen will, allerdings immer mit sirrenden Synthies überlagert, spacigen Orgelspulen im Rückwärtsgang und sonstigen Verrücktheiten, die eigentlich bereits 1974 abgeschafft worden sein sollten. Ha! Dachtet Ihr Euch so!
CIRCLE ist mit dieser Scheibe ein avant gardistisches Meisterwerk gelungen, welches nicht unwesentlich charismatisch erscheint. So sehr sich Jussi und seine Mannen auch bemühen, der echten Musik ärgster Feind zu sein, es sind Restelemente von Melodien erkennbar, die den roten Faden liefern.
Nun, "Jäljet" haben wir ja noch nicht gehört, da graust es mir schon ganz angenehm vor. Auf den ersten paar Sekunden ist so gut wie gar nichts. Ein maschinelles Dröhnen weit im Hintergrund, immer wieder kurze Geräusche, als würde jemand vergeblich einen Kassettenrekorder dazuschalten wollen, freakig und doch sehr spannend, wenn man sich denn darauf einlassen und ans andere Ende der Musik genannten Klangerzeugung reisen mag, so weit wie nur eben möglich fort von Melodien und Eingängigkeit. Die Sounds vom dazugeschalteten Kassettenrekorder kommen häufiger, werden erkennbarer, es sind aufgenommene Stimmen und dergleichen. Urplötzlich schwingt der Song in eine ganz andere Richtung, wird zu einem recht melodischen Hippiekrautfolkstück mit akustischen Instrumenten und dem schon gewohnten schnodderigen Gesang. Erst läuft diese Spur viel zu langsam, wird schneller und endet dann auf der Originalgeschwindigkeit. Eine entspannte Atmosphäre macht sich breit, die mich an Bands wie NEU oder LA! DÜSSELDORF erinnert, auch an gemässigtere FAUST. Synthies blubbern irgendwo spacig herum, man schwebt durch die Zeit auf dem Rücken von verträumt wirkenden Notensträngen.
Für Freunde typisch krautig - spaciger Klänge abseits aller Mainstreamsounds ein gefundenes Fressen. Ich gebe mal 89 von 100 % als Wertungsmaßstab.